• vom 26.05.2018, 11:00 Uhr

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Das Mittelaltergenie




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Von Mario Rausch


    "Er war derart durch die Grausamkeit der Natur an den Gliedmaßen verrenkt, dass er sich von der Stelle, auf die man ihn niedersetzte, nicht ohne Hilfe wieder wegbewegen, noch sich auf die eine oder die andere Seite wenden konnte." Mit diesen Worten beschrieb ein mittelalterlicher Biograf das Gebrechen eines Mannes, der trotz seiner schweren körperlichen Behinderung zu einem der genialsten Köpfe des Mittelalters werden sollte: Hermann von Reichenau, genannt Hermannus Contractus ("der Zusammengezogene").

    Information

    Mario Rausch, geboren 1970, lebt als freier Publizist in Klagenfurt und Wien.

    Moderne Forscher gehen davon aus, dass Hermann schon in seiner Jugend an Amytropher Lateralsklerose erkrankte, so wie der heuer verstorbene Astrophysiker Stephen Hawking. Diese beiden Männer verbanden auch übereinstimmende Interessen: Hermann beschäftigte sich ebenfalls intensiv mit Astronomie und versuchte den Geheimnissen des Universums auf den Grund zu gehen. Bekannt wurde er vor allem durch seine Bauanleitung eines Astrolabiums, eines Gerätes, mit dessen Hilfe man die Position der Himmelskörper bestimmen kann. Inwieweit Hermann dabei auf arabische Quellen zurückgriff, ist nicht mehr genau festzustellen, sicher ist jedoch, dass er auch eigenständige Überlegungen zur Astronomie und Mathematik anstellte und einer der bedeutendsten Wissenschafter des 11. Jh. wurde.

    Seine körperliche Einschränkung hinderte ihn nicht daran, sich in den unterschiedlichsten Fächern zu versuchen. So verfasste er eine Chronik von der Geburt Christi bis zu seinem Sterbejahr 1054, in welcher er nicht nur kirchliche, sondern auch profane Würdenträger und ihre Taten beschrieb. Vor allem für die ansonsten schlecht überlieferte Zeit vom 6. bis zum 8. Jahrhundert ist Hermanns Geschichtswerk eine Fundgrube.

    Er beschäftigte sich aber auch mit Musik, die zu seiner Zeit Teil der Septem artes liberales - der sieben freien Künste - war und als solche auch an den Klosterschulen gelehrt wurde. Das Verdienst Hermanns liegt vor allem in einer systematischen Darstellung der geltenden Musiktheorie, wobei seine Schrift allerdings eine sehr theoretische Abhandlung ist, die keinen Hinweis auf eine praktische Umsetzung bietet.

    Ob der Marienhymnus "Salve Regina" aus der Feder des Reichenauer Mönches stammt, ist in der modernen Forschung umstritten, sicher ist dagegen, dass Hermann sich auch als Dichter hervortat und der Nachwelt Hymnen und Gedichte hinterließ. Für seinen Schüler Berthold von Reichenau hatte der Gelehrte alle Eigenschaften eines Heiligen, der trotz seiner körperlichen Einschränkungen felix et incomparabilis war, also glücklich und unvergleichlich.





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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2018-05-24 16:18:57
    Letzte Änderung am 2018-05-24 16:24:26


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