• vom 27.05.2018, 11:00 Uhr

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Lob der Differenzierung




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Von Irene Prugger


    Irene Prugger, geboren 1959, lebt als Schriftstellerin und freie Journalistin in Mils in Tirol.

    Irene Prugger, geboren 1959, lebt als Schriftstellerin und freie Journalistin in Mils in Tirol. Irene Prugger, geboren 1959, lebt als Schriftstellerin und freie Journalistin in Mils in Tirol.

    Entweder . . . oder! Du musst dich entscheiden, du kannst nicht beides haben, hörte ich oft in meiner Kindheit und Jugend. Dann entschied ich mich notgedrungen - entweder für das gelbe oder rote Kleid, für die schwarzen oder braunen Schuhe, für das Schoko- oder das Erdbeereis. Es waren gute Übungen, die Urteilsfähigkeit zu trainieren und das Übernehmen von Verantwortung für die eigenen Entscheidungen zu lernen.

    In der Schule ging es weiter: Skikurs oder Kulturwoche, Latein oder Französisch. Leider fingen auch die moralisch verfänglichen Hopp-oder-Dropp-Entscheidungen bereits sehr früh an: Bist du für oder gegen diesen Mitschüler? Für oder gegen die Lehrerin? In der dritten Klasse Volksschule war es mir noch nicht gegeben zu sagen: "Ich finde sie sehr sympathisch, allerdings wäre ihr Unterrichtsstil zu hinterfragen, weil etwas zu manipulativ und deshalb ungünstig für das soziale Gefüge der Klasse."

    In der Erwachsenenwelt war es gefordert, eine Meinung zu weltanschaulichen und politischen Fragen zu haben, und diese durften durchaus differenziert sein. Es galt abzuwägen, zu überlegen, gefinkelt zu argumentieren, mitunter auch zu verfechten und etwas auszustreiten. Mittlerweile aber prägt ein geradezu kindischer Hang zur Polarisierung unsere Diskussionskultur. Ein schnelles verbales Abtasten genügt, um das Gegenüber als hui oder pfui zu schubladisieren. Eine unvoreingenommene, lebendige Diskussion, ein sachlicher Diskurs - eine Kunst, um die sich kaum noch jemand bemüht.

    Am liebsten würden wir uns gegenseitig Aufkleber auf die Stirn picken, damit wir wissen, mit wem wir es zu tun haben: Für oder gegen die EU? Für oder gegen Nationalstaaten? Für oder gegen dieses oder jenes Handelsabkommen? Für oder gegen Gentechnik? Für oder gegen weiße Socken? Für oder gegen Hunde im Park?

    "Der Mensch ist immer parteiisch und tut sehr recht darein. Alle Unparteilichkeit ist artifiziell", schrieb Georg Christoph Lichtenberg. Damit hat er gewiss Recht, denn einen durch und durch neutralen Menschen gibt es nicht und eine ständig abwägende Person, die sich kaum festlegen kann, ist entscheidungsschwach, hoch neurotisch oder beides zugleich. Gewiss gibt es Fragen und Entscheidungen, die nur mit Ja oder Nein beantwortet werden können, aber ein primitives "Für oder gegen etwas sein" wird der Philosoph wohl nicht gemeint haben.

    Sind Sie für oder gegen "Fifty Shades of Grey?", wurde ich kürzlich bei einer Lesung gefragt. "Weder noch", konnte ich aufrichtig antworten, "weil ich das Buch nicht gelesen und den Film nicht gesehen habe." Aber der Titel ist nicht schlecht: Immerhin lässt er allein innerhalb des Grauspektrums enorm viele Schattierungen zu.

    Polarisierung ist ansteckend, und so fragte ich zuletzt einen Apotheker: "Ist dieser Saft für oder gegen Husten?" - Er überlegte kurz: "Wohl eher gegen den Husten." Schmunzelnd fügte er hinzu: "Aber er ist auch für Ihre Gesundheit!" Ich kaufte den Hustensaft.





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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2018-05-24 16:19:00
    Letzte Änderung am 2018-05-24 16:22:29


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