• vom 24.05.2018, 16:50 Uhr

Glossen


Beißkorb- und Leinenpflicht

Da kannst nur noch um dein Leben gähnen




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Von Claudia Aigner

  • Kunstsinnig
  • Dabei könnte die Politik uns ganz leicht das Leben retten. Sie bräuchte bloß in einem Gesetzestext ein Oder durch ein Und zu ersetzen.



Ich fühl mich draußen einfach nicht sicher. Inzwischen erwäge ich sogar schon, mir einen Pfefferspray zu kaufen. Mit ihrer Aktion süß-sauer will die Wiener Polizei jetzt zwar das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung erhöhen, aber erstens endet die bereits in einer Woche und zweitens endet die bereits in einer Woche.

Aktion süß-sauer? Heißt das nicht "Aktion scharf"? Nur wenn man die, die man erwischt, bestraft. Und ihnen nicht bloß gut zuredet. Sie "aufklärt". Und höchstens bei penetranter Uneinsichtigkeit gibt’s Saures. Dann sind sie halt noch eine Woche "einsichtig", na und? Hm. Man kann echt nimmer vor die Tür, ohne dass man irgendwem begegnet, der so eine gefährliche Waffe dabeihat. Und bei diesen Killerrassen bin ich besonders vorsichtig. Da wechsle ich die Straßenseite. "Killerrassen", darf man das überhaupt schreiben? Ist das nicht ein bissl . . . rassistisch? Ja. Doch die stehen bestimmt nicht ohne Grund auf der Liste. Der bedrohlichen Arten. Manche Rassen sind eben gewaltbereiter als andere. Speziell diese südländischen Typen. Der Mastino Napoletano, der Fila Brasileiro, der Dogo Argentino . . . Nicht, dass ich vor den nördlicheren Ausländern weniger Angst hätte. Vor den Rottweilern, Dackeln . . . he, warum sind die Waldis keine Listenhunde? Wurscht. Jeder Hund ist eine Bio-Waffe. (Die Taschenhunde auch?) Man sollte sowieso für alle einen Waffenschein brauchen. Für alle aus Bodenhaltung.


Bis Ende Mai werden also verstärkt die Hunde kontrolliert. An öffentlichen Orten gilt nämlich: Beißkorb oder Leine. (Oder? Als ob die zwei Sachen gleichwertig wären. Mir ist es nicht gleich, ob mich die 30 Kilo, die eh nur mit mir spielen wollen, total zerfleischen oder maximal anspringen.) An begrünten öffentlichen Orten (in Parks) wiederum herrscht Leinenpflicht. An öffentlichen Orten, wo "üblicherweise größere Menschenansammlungen stattfinden": Maulkorbpflicht. Und wenn sich der öffentliche Ort, an dem "üblicherweise größere Menschenansammlungen stattfinden", bewegt? Ist beides Pflicht. (In den Öffis.) Kompliziert. Kein Wunder, dass damit einige heillos überfordert sind. Womit hält man eigentlich die Leine fest, wenn man grad beide Hände braucht, um einen Knoten ins Gackerlsackerl zu machen? (Mit den Zähnen?) Weil das geht nicht einhändig. Ich hab’s ausprobiert. Na ja, mit einer Knackwurscht halt. Der einzige Unterschied ist ja das n. (Also mir wäre das dünne Gratissackl aus dem Spender zu gefühlsecht.) Und was hab ich von der Leine, wenn sie einen Kilometer lang ist? Mindestens. Wenn der Hund schon gefährlich nah an meinem Wadel und das Herrl/Frauerl noch einen Bezirk weiter hinten ist?

Muss jetzt vielleicht ich einen Selbstverteidigungskurs belegen, bloß weil die Politik nicht imstande ist, mich zu beschützen, indem sie ein Oder durch ein schlichtes Und ersetzt? (Im Wiener Tierhaltegesetz.) Okay, hab ich eh längst. Gemacht. Den Kurs. Online. Seitdem gähne ich die ganze Zeit. Ach, weil das ansteckend ist? Raffiniert. Dann ist das Viech irgendwann schlichtweg zu müde, um mich zu beißen. Nein, das soll deeskalierend wirken. Ein Beschwichtigungssignal. Mich hat’s jedenfalls bereits so besänftigt, ich kann mich kaum noch wach halten. Einmal wäre ich mitten im Gehen fast aus meinen Flip-Flops gekippt. (Sekundenschlaf!) Besser als die Alternativen: auf dem Boden rumschnüffeln (igitt!) oder urinieren.




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Dokument erstellt am 2018-05-24 16:55:03


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