• vom 02.06.2018, 11:00 Uhr

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Die Gaspedalfreaks




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Von Andreas Wirthensohn


    Andreas Wirthensohn, geboren 1967, lebt als freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker in München.

    Andreas Wirthensohn, geboren 1967, lebt als freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker in München.

    Eines gleich vorweg: Ich gehöre zu den Guten. Zu denen, die alternative Mobilität nicht nur predigen, sondern leben. Autos sind mir reichlich egal - sie interessieren mich weder als technische Wundertüten noch als Statussymbole und schon gar nicht als teures Spielzeug, mit dem man sinnlos durch die Gegend kurvt. Deshalb besitze ich kein Auto, und wenn ich eines brauche, dann miete ich. Und so fuhr ich neulich mit einem netten und wahrhaft sparsamen Passat Diesel aus dem Abgasschummelhaus VW über die Alpen.

    Ich drückte wie immer aufs Gas, um möglichst schnell dem schrecklichen Nordtirol (Stang-l wirt, Kitzbühel . . .) zu entkommen, und gleich hinter dem Felbertauerntunnel begann der gemütliche Teil. Doch als ich in meiner Osttiroler Herberge eintraf, dachte ich, mich trifft der Schlag: Fast der gesamte Parkplatz war belegt mit Sportwagen der Marke Porsche. Fein säuberlich aufgereiht standen sie nebeneinander, überwiegend 911er, aber auch ein paar ausgefallenere Modelle wie ein 968er. Wie sich herausstellte, hatte sich ein Porsche-Club aus Oberbayern hier einquartiert, um seine Frühlingsausfahrt zu "begehen".


    Knapp zwanzig zumeist etwas ältere Herren wollten das verlängerte Wochenende zusammen verbringen, ein paar hatten ihre Frauen dabei, und in manchen Porsche passte, wie sich zeigte, auch noch ein Hund. Und so brauste die bunte Armada jeden Morgen gemeinsam von dannen, um sich dann nach 300 Kilometern Spazierfahrt durch die Berge beim Abendessen in Fachsimpeleien zu ergehen: welcher Gebirgspass etwa die weichsten Kurven hat, an welchen Stellen man lästige Busse überholen kann - oder wo sich die 370 oder mehr PS am besten ausfahren lassen.

    Ich hatte zunächst beschlossen, diese "Porschler" schnöde zu ignorieren. Geistlose Gaspedalfreaks! Bornierte Benzinvergeuder! Doch nach und nach kamen wir auf den Hotelfluren und am Buffet ins Gespräch. Man versuchte mir geduldig die Säulen der 911er-Philosophie zu erklären, beklagte sich über den zunehmenden "Branding"-Wahn im Hause Porsche und überraschte mich mit dem Bekenntnis, dass man auch deshalb so gerne in der großen Gruppe fahre, um "Anfeindungen" aus dem Weg zu gehen und sich in der Menge verstecken zu können.

    Der Porschefahrer als armes Opfer der Neidgesellschaft - dieser Aspekt war mir neu, leuchtete aber durchaus ein. Aus Abneigung erwuchs jedenfalls nach und nach wohlwollende Duldung, und als ich auf dem Heimweg dann von einer ganzen Kette röhrender Porsches überholt wurde, winkte ich freundlich hupend Adieu - und stellte mir für einen Augenblick vor, dass es gar nicht so übel wäre, zumindest einmal im Leben auch . . .




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    Dokument erstellt am 2018-05-30 15:19:09


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