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Update: 19.06.2018, 14:28 Uhr

Sedlaczek am Mittwoch

Linz ist nicht Wien




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Von Robert Sedlaczek

  • Sedlaczek am Mittwoch
  • Die Schreibregeln für die Namen von Straßen, Gassen und Plätzen sind einfach und logisch, werden aber oft negiert.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.


Eine meiner Lieblingsnummern der irischen Rockband U2 heißt "Where the Streets Have No Name". Der Gitarrist spielt zu Beginn ein Arpeggio mit Delay-Effekt, also zerlegte Akkorde, die durch Halleffekt ineinander verwoben werden. Dadurch entsteht ein wunderschöner Klangteppich. Dann hebt der Bandleader Bono an und singt von einem Ort, in dem die Straßen keine Namen haben: Dort gibt es keinen Smog, dort spürt man die Sonnenstrahlen auf der Haut, dort verrostet die Liebe nicht wie in der Großstadt. "And when I go there, I go there with you, it’s all I can do." Man fühlt sich auf die Insel Utopia versetzt. Bono erklärte in einem Interview, wie er auf die Idee kam, den Liedtext zu schreiben. In Belfast könne man an Hand des Straßennamens die Religionszugehörigkeit einer Person erkennen und sogar ihr Einkommen abschätzen. Wenn die Straßen keine Namen haben, sind nach außen hin alle gleich. Schön wär’s.
In Österreich gibt es noch jede Menge Ortschaften ohne Straßennamen, und die Häuser sind nicht der Reihe nach durchnummeriert, sondern nach dem Errichtungszeitpunkt - zum Leidwesen der Notärzte, der Paketzusteller und der Pizzaboten.
Sukzessive werden auch dort Namen eingeführt. Eine Straße, die nach Kautzen führt, heißt dann Kautzener Straße. Und oft werden Straßen und Plätze auch nach lokalen Berühmtheiten oder großen Österreichern benannt. Mit der Schreibung nimmt man es nicht so genau. Als ich unlängst in Linz war, fiel mir auf, dass dort eine große Unsicherheit vorherrscht, ob es "Wienerstraße" oder "Wiener Straße" heißt. Auf den Straßenschildern liest man es einmal so, einmal so. Kein Wunder, dass auch die Geschäftsleute bei der Angabe ihrer Adresse zwischen Zusammenschreibung und Getrenntschreibung schwanken. Ich käme hingegen nie auf die Idee, dass "Linzerstraße" richtig wäre. Die korrekte Schreibung hat sich so stark in mein Gedächtnis eingeprägt, dass ich jede Abweichung von der Norm entsetzlich finde. Wenn die Zusammenschreibung richtig wäre, müsste man analog auch "Linzerbürgermeister" schreiben. Bei Straßennamen gilt also das Prinzip: Getrennt schreibt man, wenn eine Ableitung mit -er von einem Orts- oder Ländernamen vorliegt. Weitere Beispiele aus Wien sind die Triester Straße und die Vorarlberger Allee. Ansonsten schreibt man zusammengesetzte Straßennamen zusammen, das ist der Normalfall: Nordbahnstraße, Schönlaterngasse, Schottenring, Beethovengang. Straßennamen, die aus mehrteiligen Namen bestehen, schreibt man neuerdings konsequent mit Bindestrich: Leopold-Figl-Gasse, Dr.-Karl-Renner-Ring, Franz-Josefs-Kai, Herbert-von-Karajan-Platz. Genauso: Stock-im-Eisen-Platz. Damit wird jenem Prinzip Rechnung getragen, das Durchkoppelung genannt wird.
Der Bindestrich steht allerdings dann nicht, wenn die Bestimmung aus einer Wortgruppe besteht und kein Grundwort vorhanden ist: Am Hof, An den alten Schanzen. Das sind die wichtigsten Prinzipien, in manchen Fällen wird es knifflig. Wer sich näher mit dem Thema befassen will, gibt in eine Suchmaschine "Wiener Nomenklaturkommission" ein. Diese hat die
kompletten Schreibregeln
vorbildlich dargestellt.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-06-05 16:46:11
Letzte Änderung am 2018-06-19 14:28:27


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