• vom 06.06.2018, 16:01 Uhr

Glossen

Update: 06.06.2018, 16:10 Uhr

Maschinenraum

Die Datenschutz-Farce




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Von Walter Gröbchen

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  • Jetzt ist sie also in Kraft, die europaweite Datenschutzgrundverordnung. Aber wovor genau schützt sie uns?



Es mutet an wie ein Ringen der Kräfte. Der dunklen, bösen, negativen Kräfte mit jenen der positiven Hemisphäre. Natürlich hat dieses Bild mit der Realität wenig - aber schreit unsere hyperkomplexe Zeit nicht nach holzschnittartigen Bildern? Here we go. Und ich verspreche Ihnen, dies wird meine letzte Kolumne zur DSGVO sein (mittlerweile hat sich ja herumgesprochen, wofür dieses Kürzel steht.) Das Problem ist: Ich weiß nicht mehr, auf welcher Seite ich stehe. Und wo überhaupt die Fronten verlaufen. Ich versuche, das an einem Beispiel zu illustrieren: Aus reiner Gaudi über absurde Auslegungen des Begriffs "Datenschutz" habe ich auf Twitter ein Foto geteilt. Es zeigt ein Hinweisschild im Rahmen eines Fests, Ort unbekannt, wo ein Fotograf zugange war. Der offenbar von den DSGVO-Regulativen verunsicherte Professionist erklärt darauf dem staunenden Publikum, wer nicht fotografiert werden möchte - Persönlichkeitsschutz! -, möge sich doch bitte einen roten Punkt auf die Stirn kleben und werde dann gelöscht. Wie das bei Zufalls-Gruppenfotos funktionieren soll, bleibt generell unklar, aber vielleicht ist der Fotograf ja auch Photoshop-Artist. Ich war mir nicht sicher (und bin es nach wie vor nicht), ob dieses Exempel real ist. Oder Satire. Fakt ist, dass dieser Beitrag auf Twitter geteilt und kommentiert wird wie blöd. Tausendfach. Habe ich jetzt den edlen Datenschutz-Gedanken unterminiert? Oder verdienen praxisferne Gesetze nichts als Spott und Hohn? Letztlich: Ist der ganze (halb)lustige Hickhack um Bagatellfälle eventuell eine raffinierte Ablenkung von wirklich relevanten Missbräuchen unserer Daten in weit größeren Zusammenhängen? Man erinnere sich nur an die ungenierte - angeblich supersicher "anonymisierte" - Weitergabe unserer Gesundheitswerte an Pharmakonzerne, abgenickt von der zuständigen Ministerin. E-Mail-Newsletter und Spam erscheinen mir jedenfalls als vergleichsweise harmlose Zeiterscheinung. Wenn ich aber Datenschutz in Hinkunft so radikal interpretiere, wie im genannten Beispiel, ist jede Form der persönlichen Datenspeicherung ab sofort obsolet. Und verdächtig. Egal, ob es sich um ein Adressbüchl, einen Schmierzettel, ein Handy-Foto oder - think big! - das eigene Gedächtnis, sprich: Gehirn handelt. Die "Verarbeitung" ist immer inkludiert, sonst sind Daten nutz- und wertlos. Der Witz ist (und es ist ein Witz von terroristischer Dimension): In einer zunehmend digitalen Welt besteht jegliche Information aus Datensätzen, ihre Quantität und Qualität ist freilich weder exakt kontrollierbar noch in bürokratische Gesetze und ihre noch bürokratischeren Auslegungen zwängbar. Es ist, als würde man menschliche Kommunikation schlechthin in einem Norm-Zwinger ansiedeln wollen. Kurioserweise gilt dieser Ansatz zu "totaler Transparenz" aber keineswegs für den Staat - seine Behörden, Ämter, Organe und Datenspeicher.

Was absehbar ist (und ich hoffe sehr für zukünftige Generationen, dass ich mich irre): Man wird Gesetze wie die DSGVO nach Bedarf hervorzupfen, interpretieren und anwenden. Gegen missliebige "Datensünder". Dystopisch betrachtet potenziell gegen alles und jeden. Der Große Bruder darf sich vor Vorfreude schon in die Big Data-Hose pissen. Allein: Von welcher Seite aus betrachte ich dieses Szenario? Zurück an den Start.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-06-06 16:07:14
Letzte Änderung am 2018-06-06 16:10:13


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