• vom 07.06.2018, 15:40 Uhr

Glossen


Ramadan

Und ich esse im Ramadan trotzdem meine Leberkässemmel




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Von Claudia Aigner

  • Kunstsinnig
  • Als Ungläubige darf ich das. (Oder bin ich unsensibel, wenn ich das in aller Öffentlichkeit tue?)



Nur noch eine Woche. Dann hab ich ihn endlich überstanden: den Ramadan. Den muslimischen Fastenmonat? Aber was kümmert mich der? Ich bin eine Ungläubige, hallo? Ich darf mich doch eh zu jeder Tageszeit anpampfen. Nicht bloß, wenn’s draußen finster ist.

Ja, schon. Beim Würschtlstand hat er mir trotzdem den Appetit verdorben. Ich kann einfach nicht vor hungernden (und halb verdursteten) Menschen (ist das Wien oder die Sahelzone?) unbeschwert essen. Schließlich bin ich keine Sadistin. Grad als ich in mein Leberkässemmerl beißen will, krieg ich also ein schlechtes Gewissen, weil was, wenn mir einer von "denen" dabei zuschaut? Nämlich einer, der sich nach dem Frühstück besonders gründlich die Zähne putzen hat müssen. Wegen potenzieller hängen gebliebener Speisereste. Denn falls er so was vor Sonnenuntergang versehentlich runterschluckt, muss er mit dem Tag wieder ganz von vorn anfangen. Ihn an einem anderen Tag nachholen. Und ich? Hab mein Semmerl verschämt in meine Tasche gestopft. Leider hab ich mich erst daheim daran erinnert, dass im Leberkäse ja Schweinefleisch drin ist. Das finden strenggläubige Muslime ohnedies pfui. Zu dem Zeitpunkt war mein Leberkäs freilich bereits kalt und hat mir nimmer geschmeckt.


Und seit Montag um ziemlich genau 13.27 Uhr trau ich mich sowieso erst im Dunkeln raus. Nach dem Fastenbrechen. Wenn alle satt sind. Bei Tageslicht fühl ich mich eben extrem unwohl. Wieso? Was war denn am Montag "um ziemlich genau 13.27 Uhr"? Da bin ich vorm Fernseher gesessen. Und hab "Mittag in Österreich" geschaut. Tunesier verliert beim Fasten die Nerven. (Ein Bekannter der Polizei.) "Und der Mann, der gibt gegenüber den Beamten zu, dass er seine Frau bedroht und bespuckt hat, aber schuld daran sei der Ramadan." Aha, auf der Seite vom Islamischen Zentrum Wien, da steht was von möglichen Nebenwirkungen durch Unterzuckerung und Dehydrierung: Schwäche, Kopfweh, Konzentrationsstörungen "und starke Begierden nach fetthaltigem, süßem oder salzigem Essen"- also: Hunger. Na ja, wenn mir der Magen knurrt, bin ich ebenfalls sehr unleidlich. Und heuer fällt der Ramadan bei uns noch dazu auf die längsten Tage im Jahr. Okay, in Kiruna (Schweden) dauert ein Tag derzeit 50 Tage. 50 österreichische. Umgerechnet. Aber es ist wenigstens nur einer. (Polartag, der: Singular.)

Ungefähr 18 Stunden nix futtern (nicht einmal Kaugummi kauen) und nix trinken (nicht einmal Wasser). Von der Morgendämmerung (was, die ist um drei? - eine echt unchristliche Zeit) bis zum Sonnenuntergang um 21 Uhr. Und um 22.45 Uhr gibt’s noch das Nachtgebet. Oh, um 3.30 Uhr ist schon wieder das Morgengebet dran. Zahlt sich dazwischen ja gar nicht aus, sich hinzulegen. Und wann kriegen die ihre acht Stunden Schlaf? Am ehesten am Vormittag. Vor dem Mittagsgebet. (Und in welchem Job geht das? - Äh, Hausfrau?) Weil nachher haben sie alle vier Stunden einen Termin. (17 Uhr: Nachmittagsgebet, 21 Uhr: Abendgebet.)

He, ist Schlafentzug nicht eine Foltermethode? Haben das die Amis nicht in Guantanamo auch gemacht? ("Verkürzung der Schlafzeit auf 4 bis 6 Stunden pro Tag über einen mehrwöchigen Zeitraum." Quelle: Wikipedia.) Und wie wirkt sich chronischer Schlafmangel jetzt aus? Reizbarkeit, Halluzinationen . . . na wumsti.




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Dokument erstellt am 2018-06-07 15:46:21


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