• vom 10.06.2018, 11:00 Uhr

Glossen


Glossen

Einfach einmal zuhören




  • Artikel
  • Lesenswert (5)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Holger Rust


    Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.

    Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.© privat Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.© privat

    Was ist bloß mit den Managern los? Täglich finde ich Angebote von Bergsteigern, Wettermoderatorinnen, Fußballtrainern, Tierflüsterern und neuerdings auch Dirigenten, die sagen, dass Führungskräfte von ihnen lernen könnten.

    Mein Ratschlag ist: Vergesst das alles und kauft Euch ein paar Jazzplatten. Da ist alles drauf: Globalisierung, Pluralismus, Improvisation, Innovation und Kooperation, vor allem die Bedeutung der Hinterleute in den Rhythmusgruppen, ohne die die Solisten armselig klängen. Das Schönste ist, man braucht nichts zu lernen - nur zuzuhören. Der Gedanke kommt von selber: So, wie die spielen, würde ich meinen Beruf auch gerne ausüben.

    Nehmen wir nur die Szene im Paris der 30er und 40er Jahre. Hier spielten in Hunderten von Jazz Clubs die schwarzen Amerikaner (Louis Armstrong, Freddy Johnson, Willie Lewis, Coleman Hawkins) neben den zugewanderten Musikern aus den Gebieten outre-mer, wie der aus Guadeloupe abstammende Robert Mavounzy, der mit karibischer Note den europäischen Tenorsaxofonisten einen völlig neuen Zugang zu ihren Ins-trumenten eröffnete. Hier vermischten sich als unvereinbar geltende Stilrichtungen - die Beguine der karibischen Zuwanderer, die Gitarrenmusik der Manouches, die Tanzmusik der Guinguettes sowie amerikanischer Swing und Big-Band-Stile aus Deutschland, Belgien und den Niederlanden (Haarlem!) - zu einem neuen Sound und zu einem bis heute einträglichen Geschäftsfeld von Kulturprodukten.

    Abgesehen von der zeitlosen Musik, die Generationen inspirierte und weiter fasziniert, sind es zum Beispiel Filme wie "Sweet And Lowdown" von Woody Allen mit Sean Penn als Provinz-Gitarristen, der "diesem Zigeuner aus Paris" nacheiferte, Django Reinhardt. Ein Innovator sondergleichen. Eine Musik, die auch jene Virtuosen fesselt, die man eigentlich der Klassik zuordnet, also Interpreten von Bach, Beethoven und Mozart.

    Sehr eindrücklich lässt sich das Ergebnis im Mitschnitt eines Manouche-Konzerts vor wenigen Jahren in der Chope des Puces in der Rue Paul-Bert am berühmten Flohmarkt nachvollziehen. Man erlebt den Gastauftritt des Klassikvirtuosen Dimitri Naïditch. Der Auftritt ist auf YouTube leicht zu finden.

    Naïditch ist spezialisiert auf Bach und Beethoven. Seine seltenen Konzerte sind aber immer Grenzüberschreitungen in die Sphären des Jazz. Naïditch spielt beide Versionen - die klassische und die jazzige - und führt das Publikum in einem unmerklichen Gleiten vom einen in einen vermeintlich gegensätzlichen Musikstil. Plötzlich scheint’s, als hätten Bach oder Mozart nichts anderes geschrieben als Jazz - und als wäre der Jazz nur eine genuine Ausdrucksform der Klassik.

    Im Übrigen ist diese Innovationslust der Virtuosen gar nicht selten. Benny Goodman spielte Mozarts Klarinettenkonzerte und Duke Ellington komponierte die berühmte "Afro-Eurasian Eclipse" - Weltmusik, die weder Klassik noch Jazz noch Folklore war, und doch auch alles gleichzeitig.





    Leserkommentare




    Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


    captcha Absenden

    * Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


    Dokumenten Information
    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2018-06-07 16:13:13
    Letzte Änderung am 2018-06-07 16:59:23


    Beliebte Inhalte

    Meistgelesen
    1. Unter Freunden
    2. Wenigstens schmeckt das Meersalz nicht nach Fisch
    3. Einfach einmal zuhören
    4. "Tina wird die Welt ein bisschen besser machen!"
    5. Hoch hinaus
    Meistkommentiert
    1. Wenigstens schmeckt das Meersalz nicht nach Fisch
    2. "Tina wird die Welt ein bisschen besser machen!"
    3. Oldies, but Goldies
    4. Unter Freunden


    Werbung