• vom 09.06.2018, 11:00 Uhr

Glossen


Glossen

Zwerge-Renaissance




  • Artikel
  • Lesenswert (3)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Matthias G. Bernold


    Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien.

    Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien. Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien.

    Die Oma war immer sehr für die Gartenzwerge. Und wenn in der Kleingartensiedlung das jährliche Lampionfest auf dem Programm stand, war das ein Festtag wie Ostern oder meinetwegen Nikolo. Kein Jahr verging, ohne dass wir Kinder mit Oma an der Hand durch die Siedlung spazierten. Am verwinkelten Weg, wo die Gärten mit bunten Lichterketten und Lampions herausgeputzt waren, beugte sich Oma ganz nahe zu uns herunter und flüsterte verschwörerisch: "Jetzt müsst ihr genau schauen, ob ihr die Zwergerln seht! Sie verstecken sich gern!"

    Tatsächlich versteckten sich unzählige davon in den kleinen Parzellen: Manche grüßten und winkten herüber, andere trugen Angel oder Axt. Manche standen schon so lange hier herum, dass Wind und Wetter sie mit gräulicher Blässe überzogen hatten. Gleichmütig ertrugen sie ihr Schicksal und lächelten den staunenden Kindern zu. Freilich kamen die Gartenzwerge der 1970er Jahre noch ohne Stinkefinger und Messer im Rücken aus. Unschuldig, freundlich, männlich: So waren Gartenzwerge damals. Ein Idyll ohne Ironie - fast wie ein Auftritt von Andreas Gabalier.

    Als ich unlängst durch den Kleingarten spazierte, mit meinem Sohn an der Hand, der kürzlich ein Alter erreicht hatte, das ihn für Gartenzwerge empfänglich macht, beugte ich mich - so wie Oma damals - zu ihm hinunter. Nahm ihm die zerquetschte Feuerwanze aus der Hand und flüsterte ihm den Satz ins Ohr, den ich früher so oft gehört hatte. Wie enttäuscht waren wir beide, als wir feststellen mussten, dass sich in den Gärten kaum noch Zwerge befanden! Entweder hatten die Wichtel ihre Fähigkeit, sich zu verstecken, exponentiell ausgebaut. Oder sie waren wirklich verschwunden. Selbst in den ältesten Gärten, wo die Zeit stillzustehen scheint: gartenzwergmäßig die totale Leere.

    Bleibt die Frage offen, was diesen Exitus bewirkt hat: Ein Wandel der Gartenmode? Hatten exotische Stein-Buddhas den Zwergen den Rang abgelaufen? War es die me-diale Verhöhnung als Verkörperung von Kitsch und Spießbürgerlichkeit, die sie in die Verbannung trieb? Wir wissen es nicht. Was wir allerdings wissen: Kleingeistigkeit, Intoleranz und Spießertum, die man gern den Kleingärtnern zuschreibt, haben die Umzäunungen der Kleingartenvereine längst überwunden: Kleines Denken beherrscht die große Welt. Es bedarf keiner Zwerge, um dies sichtbar zu machen.

    Was läge näher, als an dieser Stelle die Renaissance des Gartenzwergs auszurufen, um ihn bei der Gelegenheit gleich mit neuer Symbolik auszustatten? Ich will einen Zwerg unter die alte Fichte stellen, die meine Großeltern vor mehr als 80 Jahren gepflanzt haben.

    Im Wind werde ich Oma zufrieden flüstern hören: "Die Zwergerln sind wieder da."





    Leserkommentare




    Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


    captcha Absenden

    * Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


    Dokumenten Information
    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2018-06-07 16:28:15
    Letzte Änderung am 2018-06-07 16:54:37


    Beliebte Inhalte

    Meistgelesen
    1. Kaffeehaus- und Grabbesuche
    2. Der Jogger muss doch auch nicht im Schritttempo laufen
    3. Theatralischer Moment mit politischem Inhalt
    4. Nur eine Volksabstimmung kann das Rauchverbot noch verhindern
    5. Stoff geben
    Meistkommentiert
    1. "Der Mirko und die Jagoda haben serbisch gesprochen. . ."
    2. Vorweihnachtszauber
    3. Nur eine Volksabstimmung kann das Rauchverbot noch verhindern
    4. Theatralischer Moment mit politischem Inhalt
    5. Wer zuckt, verliert

    Werbung




    Werbung