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Update: 21.06.2018, 16:13 Uhr

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Von Walter Gröbchen

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  • Warum eine neue Retro-HiFi-Stereoanlage kaufen, wenn die alten Vorbilder mehr hermachen, besser klingen und billiger sind?



Um nicht in den Verdacht zu geraten, Journalismus mit Schleichwerbung zu verwechseln - ein Partner von mir betreibt in der Westbahnstraße in Wien-Neubau eine ganz ähnliches Geschäft -, möchte ich hier und heute ein Loblied auf einen Mann singen, den ich eher aus der Ferne bewundere. Das ist freilich nur die halbe Wahrheit: Ab und an betrete ich auch seinen Laden in der Siebenbrunnenfeldgasse in Margareten. Er ist ein wenig versteckt in der Front eines mächtigen Gemeindebaus. Und äußerlich eher unscheinbar. Immerhin hat Jürgen Kopita - so der Name des Inhabers - mittlerweile ein Geschäftsschild montiert: "K & K Vintage + Sound". Wenn man die Buchstabenkombination in Google eingibt, kann man den Laden auch bequem über den virtuellen Hintereingang betreten. Und gerät umgehend ins Staunen.

Hier wird ausgewählte Hardware aus den goldenen Zeiten der HiFi-Euphorie angeboten - aktuell etwa ein Pioneer-Verstärkerbolide aus dem Jahr 1983, ein Normende-Receiver aus 1969, ein Revox-Tangentialplattenspieler, den ich zuletzt vor Jahrzehnten im ORF-Funkhaus in der Argentinierstraße - das selbst bald Geschichte sein wird - gesehen habe, diverse Plattenspieler, CD-Player, Kofferradios und Lautsprecherboxen. Freunden von klassischem Audio-Equipment geht beim Anblick der liebevoll inszenierten Geräte-Parade das Herz auf. Und eventuell auch die Geldbörse. Denn das ist das Erstaunliche an Bastlerbuden wie dieser: Allzu viel Geld verlangt Jürgen Kopita für die Klassiker, die er von Flohmärkten in die Werkstatt getragen oder aus dem Internet gefischt hat, nicht. Wiewohl sie komplett durchgecheckt, wenn nötig repariert und so perfekt glanzpoliert sind, dass sie wie neu wirken. Der "Will-haben"-Faktor ist dann gelegentlich so stark, dass man ein Gerät nach Hause trägt, obwohl einem der Platz dafür fehlt. Und der Bedarf auch - weil man schon einige mehr dieser Schmuckstücke herumstehen hat.


Freilich habe ich - auch an dieser Stelle - schon von der "Retromania" berichtet, die aktuell grassiert. Damit gemeint ist der modische, halsstarrige Blick zurück, der sich auch in modernen Haushalten breitmacht. Bei vielen Herstellern, die aktuelle Technik in Retro-Gehäuse packen und unter ihrer Zielgruppe einen Haufen Nostalgiker vermuten. Zu Recht. Allerdings ist die Qualität der technischen Eingeweide der Originalteile aus den 70er und 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts zumeist nicht mit der billigen Digitalbestückung von heute zu vergleichen. Sehr wohl kann man, wenn gewünscht, aber Bluetooth und Internet-Konnektivität nachrüsten. Das macht ja Shops wie "K & K Vintage + Sound" so attraktiv: überlegener - weil in der Regel analoger - Klang plus stilsicherer Auftritt plus sentimentale Gefühle zum Low-Budget-Preis. Passt.

Und ein Aspekt sei auch noch hervorgehoben: Von der grassierenden Wegwerf-Mentalität von Industrie und Handel - fragen Sie doch einmal bei Amazon nach, wie mit Kunden-Retouren verfahren wird! - sind Connaisseure wie Jürgen Kopita Lichtjahre entfernt. Das ist Recycling der hohen, nein: höchsten Schule. Gelegentlich habe ich ja den Verdacht, dass Leute wie er solche Unternehmen betreiben, um ihre eigene Sammelleidenschaft zu tarnen. Und zwar: perfekt.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-06-13 15:43:24
Letzte Änderung am 2018-06-21 16:13:34


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