• vom 17.06.2018, 11:00 Uhr

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Weltallerbestes




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Von Stefanie Holzer


    Stefanie Holzer, geboren 1961, lebt als Schriftstellerin in Innsbruck.

    Stefanie Holzer, geboren 1961, lebt als Schriftstellerin in Innsbruck.

    Nachdem meine Kinder die Neigung zu Geheimsprachen hinter sich gebracht hatten, fanden sie Lieblingswörter ("Alter!") - und die Mädchen bald auch unbegreifliche Abkürzungen wie etwa "WABF". Wenn man diese Buchstabenkombination auflöst, taucht die "Weltallerbeste Freundin" aus dem Nebel der Unbegreiflichkeit auf.

    Diese WABF kann auch als WAAABF auftreten und hat die Eigenschaft eines Magneten. Wer mit einer WABF gesegnet ist, der geht am Morgen so früh aus dem Haus, wie es nur möglich ist, um jede Vorunterrichtsminute zu einem ausgiebigen Treffen zu nutzen. Denn es muss geredet werden, damit man am Ende das wohlige Gefühl haben kann, ganz eins zu sein mit seiner WABF, deren Namen man sich auch mit Filzstiften auf den Handrücken schreibt. Aus dieser Identifikation mit der WABF erwächst den jungen Damen ein Gefühl der Unbesiegbarkeit. Man ist so stark, wie man nur sein kann, wenn man eine richtige WABF hat.

    Mein Sohn hat wie wohl die meisten Buben keinen WABF. Er hat ein paar Freunde, mit denen er verschiedene Dinge tut. Mit einem fährt er Rad, mit anderen spielt er Handy und Fußball. Mit wieder anderen geht er schwimmen oder er spielt mit ihnen im Wald. Was er und die dabei reden, wird mir nicht überliefert. Kein einziger seiner Freunde muss alle seine Bedürfnisse abdecken. Wenn einer ausfällt, ist das keine Katastrophe. Bei meinen Damen hingegen ist die Statusveränderung von der WABF hin zu "eine Freundin" eine große Katastrophe.

    Bis zu meinen Kindern habe ich immer gedacht, die Geschlechter verhielten sich nach dem Stichwort "Geschlecht als Konstruktion" wegen der unterschiedlichen Erziehung unterschiedlich. Meine drei Kinder belehren mich nachhaltig eines Besseren. Bevor unser Sohn reden konnte, mussten wir mit ihm Baustellen besuchen und gefühlte Ewigkeiten zuschauen, wie eine Baggerschaufel ein Loch immer größer grub. Kaum konnte er reden, hat er mir den Unterschied zwischen Radlader und Schubraupe beigebracht. Seine Schwestern langweilten sich bald an der Baugrube und diskutierten stattdessen schon im Kinderkrippenalter darüber, ob sie ein rosa oder ein violettes T-Shirt anziehen würden.

    Das Geschlecht scheint mir bei meinen Kindern keine Konstruktion zu sein, vielmehr ein Unterschied, den sie nach eigenem Gutdünken gestalten. Die einzige Situation, in der mein Sohn mehr redet als meine Töchter, ist die, wenn die drei ihr Fußballspiel im Streit abbrechen und die Töchter sich einfach mit Mädchen-Sachen beschäftigen, während mein Sohn immer und immer wieder schildert, wie foul seine Schwestern spielten und wie schnell sie dann beleidigt seien. Ich bin froh, dass mir meine weltallerbesten Kinder etwas über die Welt beibringen.





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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2018-06-14 15:58:23
    Letzte Änderung am 2018-06-14 16:13:10


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