• vom 14.06.2018, 16:25 Uhr

Glossen


Sicherheitsgefühl

Drum muss eine Helmpflicht für Cabriofahrer her




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Von Claudia Aigner

  • Kunstsinnig
  • Oder man verlässt sich einfach auf die Wahrscheinlichkeitsrechnung. Dass die einen schon beschützen wird. Vor dem Bösen.



Kann man seine Wohnung überhaupt noch verlassen? Nach diesen ganzen Berichten über Männer, die einen Zorn (auf irgendwen oder alles) und ein Messer haben. Und das, obwohl das hier die lebenswerteste Stadt der Welt ist. Inzwischen trau ich mich freilich eh wieder vor die Tür, aber dafür nimmer vor die Stadtgrenze.

Denn in Wien fühl ich mich jetzt am sichersten. Ab sofort verlass ich mich nämlich auf ein altbewährtes Sicherheitskonzept (und das ist immer noch das beste von allen - jedenfalls für Wien, für Bagdad eher weniger): die Wahrscheinlichkeitsrechnung. Der Nachrichtensprecher hat also ungefähr folgende Meldung verlesen: "Die Wahrscheinlichkeit, in Wien ermordet zu werden, ist in etwa so groß, wie zweimal in seinem Leben einen Lottosechser zu erraten." Gleich hab ich natürlich zu rechnen angefangen. Zwecks Einschätzung meiner Überlebenschancen. Aha. Eins zu 8.145.060. Dass ich bei "6 aus 45" die sechs Richtigen tippe. Dass ich sie ein Mal richtig tippe. Und ich müsste das noch ein zweites Mal hinkriegen. Dabei spiele ich nicht einmal Lotto. He, heißt das, die Wahrscheinlichkeit, dass mich einer abmurkst, ist null? Nicht unbedingt. Es ist übrigens viel, viel wahrscheinlicher, bei einem Verkehrsunfall vom eigenen Sicherheitsgurt stranguliert zu werden, als dass einen irgendwann ein Islamist köpft. Soll das vielleicht irgendwen beruhigen? Dann denken sich womöglich noch mehr Leute: "Wozu sull i mi o’schnoin? I hoit mi do eh am Lenkradl fest." (Nicht ich. Ich hab ja keinen Führerschein. Ich darf mich nicht am Lenkradl festhalten.)


Okay, völlig aus dem Schneider bin ich noch nicht. Ach, weil für die späteren Mordopfer die Wahrscheinlichkeit vorher genauso gering war und sie wohl keine Lottomillionäre gewesen sind? Na ja, oder weil man in Wien halt noch auf viele andere unwahrscheinliche Arten eines unnatürlichen Todes sterben kann. Ich hab da auf YouTube ein Video entdeckt. Über Todesursachen. Nein, der Titel lautet nicht: "A Million Ways to Die in Vienna." (Beziehungsweise: ". . . wie man in Wien wahrscheinlich nicht sterben wird.") Von einem Meteor erschlagen werden - Wahrscheinlichkeit: eins zu 182 Billionen. "Wer also trotzdem getroffen wird, der hat einfach Pech gehabt. Riesengroßes Pech." Ist im Naturhistorischen Museum nicht ein Stückl von einem Marsmeteoriten ausgestellt, der in Ägypten diesen armen Wauzi weggebombt haben soll? Wurscht, ich hab sowieso keinen Hund, der Pech haben könnte. Einem Bienenstich erliegen: eins zu 80.000. Dass der Pilot besoffen ist: eins zu 117.

Wahrscheinlichkeit: die mehr oder weniger große Möglichkeit, dass etwas der Fall ist. Hm. Und wenn eine Bierdose der Fall ist? Ja, wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Pauli mich irgendwann im Cabrio mitnimmt und plötzlich von einer Bierdose ausgeknockt wird, die ein angedudelter Pilot aus dem Cockpit geworfen hat? (Während ich nicht die leiseste Ahnung habe, welches Pedal denn nun die Bremse ist.) Drum muss eine Helmpflicht für Cabriofahrer her. Ist ein Cabrio nicht eh im Grunde ein Motorrad mit Türen? Gut, der Helm schützt nicht vor einem anaphylaktischen Schock nach einem Bienenstich. Was, die Wahrscheinlichkeit, 100 zu werden, ist eins zu drei? Na, das sind doch erfreuliche Aussichten. Weil 100 wird man ja nur, wenn man nicht vorher gestorben ist.




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Dokument erstellt am 2018-06-14 16:31:28


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