• vom 23.06.2018, 11:00 Uhr

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Von Andreas Rauschal


    Andreas Rauschal, geboren 1984, ist Redakteur im "extra" der Wiener Zeitung.

    Andreas Rauschal, geboren 1984, ist Redakteur im "extra" der Wiener Zeitung. Andreas Rauschal, geboren 1984, ist Redakteur im "extra" der Wiener Zeitung.

    Hat man in der Stadt früher einmal jemanden mit einem Seil über der Schulter gesehen, dürfte es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um einen ÖAMTC- oder ARBÖ-Mitarbeiter im Abschleppdienst, vielleicht um einen Rauchfangkehrer oder um eine andere Person gehandelt haben, deren Berufstätigkeit man buchstäblich mit einer Leine verknüpft (Fassadenreiniger, Einbrecher, Häftlinge auf der Flucht). Die Wahrscheinlichkeit, dass sich so ein Tiroler Bergfex nach dem Abseilen in die Heimatschlucht ziemlich großräumig verirrt hat, ist ja doch eher gering.

    Heute ist das Seil im öffentlichen Raum aus einem einfachen Grund ebenso stärker präsent wie andere Auffi-auffi-Insignien zwischen Helm, Spezialschuh mit Extragrip, bäckerähnlichen Mehlfingern und einer Lampe auf der Stirn, weil Klettern neben Pilates, Yoga im Park, Jiu Jitsu oder dem Gang ins Fitnessstudio zweifelsohne zu den Trendsportarten unserer Zeit gehört.

    Am Klettern vorteilhaft, auch als Bild für unsere neoliberal-hochmotivierte Gesellschaft: den Berg bezwingen. Sich selbst überwinden. Sich herausfordern, an sein Limit gehen. Leistung. Noch mehr Leistung. Dosierung und zweckmäßiger Einsatz von Energie, damit man nicht bald aus dem letzten Loch pfeift. Zäh sein. Biss haben. Nicht lockerlassen. Mut. Es klingt wie ein Selbsterfahrungsseminar für Krawattenträger oder ein Teambuildingevent unter Managern, denen man als Draufgabe einen NLP-Kurs geschenkt hat.

    Dabei denken wir in den 80er Jahren noch mit Schwarz-Weiß-Wiederholungen alter Heimatfilme Aufgewachsene nach wie vor auch an Dramen am Berg, weil der verliabte Sepp seiner reschen Mizzi noch schnell in der Krachledernen ein Edelweiß vom letzten Bergzipfel brocken wollte. Auffi, auffi, das hatte vor der Erfindung Flügel verleihender Dosengetränke noch andere Gründe, bisweilen hehre und höhere. Bitte jetzt nicht mit Ikarus argumentieren und das Wort "Hochmut" verwenden!

    Erst letzte Woche in Sachen Höhenrausch in den Schlagzeilen: ein tapferer Waschbär, der 23 Stockwerke eines Gebäudes in Minnesota beziehungsweise dessen Betonfassade dafür genutzt hat, sich als Spiderman 2.0 zu verdingen. Gebäudeklettern ist übrigens strafbar, aber erklären Sie das einem Tier.

    Tatsächlich höhere und hehre Gründe für einen Aufstieg hatte zuletzt der "Held von Paris", jener jetzt ehemals illegale Einwanderer aus Mali, der ein Kleinkind vom Sturz in die Tiefe bewahren konnte. Er musste dazu a) sehr schnell reagieren und b) noch schneller ein Wohnhaus bezwingen, indem er sich über dem Abgrund von Balkon zu Balkon hantelte. Selbstlos und auf Gefahr am eigenen Leib und Leben. Auch das ist ein Bild, über das man einmal nachdenken könnte: hoch hinauswollen - aber nicht für sich selbst.





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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2018-06-15 16:10:28
    Letzte Änderung am 2018-06-15 16:11:12


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