• vom 19.06.2018, 18:00 Uhr

Glossen

Update: 22.06.2018, 14:43 Uhr

Sedlaczek am Mittwoch

"Tina wird die Welt ein bisschen besser machen!"




  • Artikel
  • Kommentare (3)
  • Lesenswert (12)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Robert Sedlaczek

  • Sedlaczek am Mittwoch
  • Ö3 sucht Influencer von morgen. Gemeint sind Personen mit zukunftsweisenden Geschäftsideen - das Wort hat aber eine andere Bedeutung.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.


Es soll der Sommer der großen Ideen werden. "Ö3 sucht Influencer unter 20, die unser Land weiterbringen." So hört man es gebetsmühlenartig auf dem ORF-Radiosender. Wer eine Idee oder ein Projekt hat, von dem das ganze Land wissen sollte, möge sich melden.
Auf der Website von Ö3 sieht man das Foto eines Mädchens vor einem Laptop: "Das ist Tina! Sie hat viele Ideen und startet schon die ersten Projekte in ihrem Lieblingsbereich, dem Umweltschutz. Sie wird die Welt ein bisschen besser machen. Sei wie Tina!" Die Aktion ist eine gute Sache, wenngleich sie naiv daherkommt. Ideen kann bald wer haben, entscheidend sind die Umsetzung und die Finanzierung.
Wie viel wurde schon über das Projekt Lobu der zwei Schüler Moritz Stephan und Konstantin Klinger geschrieben. Ihre Geschäftsidee ist einleuchtend. Es gibt in Wien viele kleine, liebenswerte Buchhandlungen. Könnte man per Internet bei diesen Buchhandlungen Bücher bestellen, die dann mit Fahrradboten rasch zugestellt werden, würden sich vielleicht einige Kunden vom multinationalen Branchenriesen Amazon abwenden und via lobu.at kaufen. Aber das Projekt der zwei Schüler ist über einen Testlauf in Währing nicht hinausgekommen. Erst wenn sie 18 Jahre alt sind, dürfen sie eine Firma gründen. Die Aktion "Ö3 sucht Influencer unter 20" ist im Internet mit viel Häme bedacht worden - wegen der Altersbeschränkung. "Ich hätte zwar eine Milliarde Ideen, bin aber über 20, sorry", schreibt Patrick. "Auf Menschen mit Lebenserfahrung wird nicht mehr gehört", beklagt Thomas. Astrid mokierte sich über den Ausdruck Influencer. "Hat das etwas mit Grippe zu tun? Ist das ansteckend?" Influencer ist in diesem Fall tatsächlich unpassend. Gemeint ist: "Wir suchen junge Leute mit zukunftsweisenden Geschäftsideen!" Aber die Macher von Ö3 sollten wissen, dass das Wort bereits existiert - mit einer anderen Bedeutung. Als Influencer werden Personen bezeichnet, die aufgrund ihrer starken Präsenz im Internet einen großen Einfluss auf das Kaufverhalten ihrer Abonnenten haben und deshalb von der Werbewirtschaft hofiert, häufig sogar mit Honoraren finanziert werden. Eine von ihnen in Deutschland ist die Mode-Influencerin Leonie Sophie Hanne. Mit ihrem Instagram-Account und ihrem Blog "ohhcouture" erreicht sie mehr als 1,7 Millionen Internet-User. Wenn sie ein neues Kleid, eine neue Handtasche oder neue Schuhe samt Foto wohlwollend erwähnt, dann ist das eine wirksame Kaufempfehlung - wirksamer als ein Inserat in einer Modezeitschrift. Denn Leonie Sophie Hanne hat bei ihren Anhängern eine hohe Akzeptanz und gilt als unabhängig. Die "Cosmopolitan" bezeichnete sie als eine der wichtigsten Fashion-Influencer Deutschlands. Per Mausklick kann man die Modeartikel gleich bestellen - es gibt Links zu Webshops.

Die neue Marketingmethode wirft eine Reihe von Fragen auf. Ist das, was Influencer tun, bezahlte Werbung? Müsste diese gekennzeichnet sein? Ist es ansonsten Schleichwerbung? Sollten Influencer bekanntgeben, wer ihnen die Reisen nach New York oder Paris finanziert? Wie dem auch sei: Solche Influencer hat Ö3 wohl nicht gemeint.





Schlagwörter

Sedlaczek am Mittwoch

3 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-06-19 16:34:33
Letzte Änderung am 2018-06-22 14:43:35


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Wüsten-Beschimpfung
  2. Dann gehen die Frauen halt mit dem linken Fuß nach rechts
  3. In die Waffenverbotszone bitte nur mit erhobenen Händen
  4. Paul McCartney, mein Dezember-Troubadour
  5. Tricks gegen Kindertrotz
Meistkommentiert
  1. In die Waffenverbotszone bitte nur mit erhobenen Händen
  2. Gott schütze Österreich!
  3. Warum die Kanadier keine Kanaken sind
  4. Wüsten-Beschimpfung
  5. Dann gehen die Frauen halt mit dem linken Fuß nach rechts

Werbung




Werbung