• vom 20.06.2018, 16:30 Uhr

Glossen

Update: 22.06.2018, 15:10 Uhr

Maschinenraum

Die Zukunft der Vergangenheit




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Von Walter Gröbchen

  • Maschinenraum
  • Eine kleine Bücherschau: von Visionären, Hell- und Schwarzsehern. Und dem seltsam ungebrochenen Gewicht von Papier.



"Mehr als die Vergangenheit interessiert mich die Zukunft, denn in ihr gedenke ich zu leben." Das ist natürlich ein höchst elegantes Zitat am Eingang dieser Kolumne. Es stammt von Albert Einstein - und ich habe es dem Umschlag eines Buchs entlehnt, das wie zufällig auf dem Schreibtisch meiner Freundin lag.

Freilich gibt es keine Zufälle: Es handelt sich um einen Prachtband zum achtzigsten Geburtstag des Industriellen und ehemaligen Finanzministers Hannes Androsch, der es sich allemal leisten kann (und zwar in jeder Hinsicht), zum Jubelfest statt der üblichen Hagiographie visionäre Gedanken von Freunden und Wegbegleitern einzufordern. Und zwar unter dem Titel "Zukunft. Erkennen. Gestalten." Dazu äußern sich mehr als fünfzig Zeitgenossen, von Barbara Blaha bis Gerhard Zeiler. Generell ein ehrenvolles Unterfangen - auch wenn die Altvorderen (zu) oft einen staatstragenden Ton anstimmen.


Ich selbst bekomme ja auch jede Menge Papier zugeschickt, oft unaufgefordert. Corinna Milborns und Markus Breiteneckers "Change The Game", gerade an der Spitze der Sachbuch-Charts, habe ich immerhin überflogen. Ob all die gut gemeinten, aber letztlich von kaum verhohlenen Geschäftsinteressen geprägten Überlegungen der Privat-TV-Führungskräfte auch irgendeinen Leser in den Zentralen von Google, Facebook & Co. finden? Jedenfalls wird es für die US-Riesen allmählich etwas ungemütlicher. Nach der aufgeregten Medienenquete des Bundeskanzleramts wirkt es fast so, als wäre die - höchst umstrittene - EU-Entscheidung pro Upload-Filter und Leistungsschutzrecht für Verleger in irgendeinem Hinterzimmer in Wien gefallen. Nicht einmal das Gegenteil ist wahr.

Als kurzweilige Ablenkung bietet sich ein Pamphlet des deutschen Bloggers Schlecky Silberstein an, erschienen im Knaus-Verlag. Auf giftgrünem Untergrund prangt auf dem Cover dieses Werkes der provokante Satz "Das Internet muss weg". Denn, so Silberstein, es handle sich um "die größte Verarschungsmaschine aller Zeiten!" Bei Herrn Schlecky, geboren 1981, handelt es sich immerhin weder um einen "elder statesman" noch um einen bezahlten Lobbyisten, sondern nach Eigendefinition um "den netten Influencer von nebenan". Aber hallo! All die Nachwuchs-Polemiker und angegrauten Propheten des Digitalzeitalters eint eines: Gewichtigkeit scheint nur zwischen zwei Buchdeckeln stattzufinden. Und Bücher wollen verkauft werden. Wie erreicht man aber jene, die kraft ihrer Jugend - sagen wir mal: Geburtsjahrgang diesseits der Jahrtausendwende - tatsächlich die Zukunft bestimmen werden? Herr Androsch möge eine Smartphone-Edition seines Sammelbandes an alle Lehrer und Schüler dieses Landes verschicken. Gratis. Ich meine das ernst.

Das liebste Buch dieser Tage - seine Lektüre bereitet mir denkwürdige Erkenntnisse - stammt aber aus der Ramschkiste: "Die 50 besten Innovationen Österreichs" von Karl-Heinz Leitner. Es erschien 2003. Das Internet spielt darin kaum noch eine Rolle. Im Rückblick sieht die Zukunft der Vergangenheit halt auch nicht zwingend nach Gegenwart aus.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-06-20 16:37:33
Letzte Änderung am 2018-06-22 15:10:32


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