• vom 21.06.2018, 17:15 Uhr

Glossen


Plastik im Meersalz

Wenigstens schmeckt das Meersalz nicht nach Fisch




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Von Claudia Aigner

  • Kunstsinnig
  • Die EU kann uns das Plastik ja gar nicht verbieten. Oder will sie uns den Magen auspumpen? Es ist nämlich längst Teil unserer Nahrungskette.



Plastik ist biologisch schwer abbaubar. Stimmt. Es ist wirklich ein hartes Stück Arbeit, ein Plastiksackerl aufzuessen. Und ich bin noch immer nicht fertig damit. Dabei ist es von einem riesigen Ozean bereits ein bissl vorverdaut worden.

Ozean? Ich hab’s aus dem Meer gefischt? (Nein, nicht ich persönlich.) Aber wieso hab ich es nachher nicht einfach in den Restmüll geworfen, wo es auch keinen mehr stört, sondern mir in den Mund gesteckt? Na ja, wer sagt denn, dass ich freiwillig drauf herumkaue? Es wurde mir heimlich ins Essen gemischt. Draufgekommen bin ich bloß durch Zufall. Beim Multitasking. Während ich also Chips geknabbert habe, hab ich so nebenbei die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift "Konsument" durchgeblättert. Und gleich auf dem Cover: "Meersalz. Mit Plastik gewürzt." Was? Meersalz wird aus Plastik gemacht? Nicht absichtlich. Trotzdem sind oft winzige Kunststoffteilchen drin. Mikroplastik. Und was steht natürlich auf meinem Chipspackerl drauf? Richtig: "mit Meersalz." Na wenigstens schmecken die Chips jetzt nicht nach Fisch.


Sofort hab ich hektisch herumgerechnet. Um folgende Aufgabe zu lösen (damit ich mir das Problem besser vorstellen kann, und ein Plastiksackerl ist immerhin was zum Angreifen): Im Jänner hat ein Labor im Auftrag des NDR-Magazins "Markt" in herkömmlichen Meersalzen einen Mikroplastik-Gehalt zwischen 14 und 59 Mikrogramm pro Kilo nachgewiesen. (Mikrogramm: ein Millionstel Gramm.) Wenn nun ein Plastiksackerl 30 Gramm wiegt, wie viele Chipspackln à 110 Gramm und mit zwei Prozent Meersalz muss ich dann mindestens beziehungsweise maximal futtern, bis ich ein ganzes Plastiksackerl intus habe? Antwort: Viele. Zu viele. Von 231 Millionen Chipspackln auf einmal wird mir sicher schlecht. Und von 974 Millionen sowieso. Bis zu 107 Kilotonnen Chips müsste ich in mich reinstopfen. He, und wenn ich mich fortan nur noch von Chips ernähren würde? Bräuchte ich bei 3,5 Packln am Tag, um auf die 2000 Kalorien für einen durchschnittlichen Erwachsenen zu kommen (nicht, dass ich durchschnittlich wäre - oder erwachsen): locker 2.200 Leben. Besser 9.500 Leben. Nämlich für die 180.920 bis 762.447 Jahre. Also eigentlich eh eine plastikarme Ernährung. Mit der Methode kriegen wir das Plastik allerdings bestimmt nicht aus den Weltmeeren raus. Noch dazu wenn jeder von uns gleichzeitig wieder 57 Sackerln zurückschmeißt. (Im Jahr.) Weil wir eben Europäer sind. Wären wir Amerikaner, müssten wir sogar 150 versenken. (Und ich bin ja schon mit meinen 57 heillos überfordert.)

Früher oder später wird die EU uns das Plastiksalz verbieten. Wurscht. Dann bleibt uns immer noch: das Kalahari Wüstensalz. Wüstensalz? Soll das eine Metapher sein für - Sand? Nein. Es stammt übrigens aus einem Gebiet, das nie von irgendwelchen Konsumenten besiedelt worden ist: aus dem Paläozoikum. Okay, lang werden wir auch das nicht verwenden können. Weil es anscheinend keine Konservierungsstoffe enthält und nach 280 Millionen Jahren schön langsam ungenießbar wird. ("Mindestens haltbar bis: 31. 01. 2022." Wann endet denn "mindestens"?) Moment: Salzsee . . . blabla . . . "schonend an der Sonne getrocknet". Sonne? Man hat es diesen UV-Strahlen ausgesetzt? Das Salz ist total verstrahlt! Davon werden wir alle Hautkrebs kriegen!




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Dokument erstellt am 2018-06-21 17:22:35


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