• vom 24.06.2018, 11:00 Uhr

Glossen


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Siebziger-Revival mit "Du"




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Von Hans-Paul Nosko


    Hans-Paul Nosko, geboren 1957, lebt als Journalist und Glossist in Wien.

    Hans-Paul Nosko, geboren 1957, lebt als Journalist und Glossist in Wien.© Robert Newald Hans-Paul Nosko, geboren 1957, lebt als Journalist und Glossist in Wien.© Robert Newald

    Bis in meine Elterngeneration war das noch ein großes Ding: Man wird mit jemandem "per Du". Auch unter Gleichaltrigen ging dies nicht von heute auf morgen: Unabdingbar war zunächst eine Phase
    gegenseitiger Erprobung, auf die, so sie für beide Seiten zufriedenstellend verlaufen war, der Wechsel vom "Sie" auf das "Du" vollzogen werden konnte.

    Noch diffiziler war dies bei einem spürbaren Altersunterschied. Bevor ein Älterer einem Jüngeren das "Du" anbot, musste Letzterer sich erst bewährt haben. In diesem Fall beschränkte sich die rituelle Abfolge keineswegs auf die sogenannte Bildungsschicht: Ein heute fast 80-jähriger Spieler von Rapid Wien erzählte einmal in einem Interview, dass in den 50er Jahren neu in die Mannschaft hinzugekommene junge Fußballer ihre arrivierten Kollegen siezten; ihm selbst wurde erst, nachdem er in einem internationalen Match das entscheidende Tor erzielt hatte, von einem älteren Mitspieler das Du-Wort angeboten.


    In den 70er Jahren war dann für die heranwachsende Genera-tion plötzlich alles anders. Im Gefolge von 1968 waren die Umgangsformen legerer geworden, was wir spätestens ab Eintritt ins Studentenleben weidlich ausnutzten. Wir duzten querbeet: die Verkäuferin in der Bäckerei, den
    Taxifahrer, wenn wir die letzte Straßenbahn wieder einmal verpasst hatten, oder die Billeteurin im Kino. Leute gleichen Alters mit "Sie" anzusprechen, das wäre mit gesellschaftlicher Ächtung bestraft worden.

    Diese Zeiten sind zwar schon lange vergangen, aber für uns Babyboomer mit Uni-Vergangenheit gilt noch immer der prinzipielle Vorrang des "Du" gegenüber dem "Sie". Mittlerweile natürlich angepasst an Situation und Kontext, aber trotzdem mit der Bereitschaft, sofort auf die zwanglose Anrede umzusteigen, wenn sie nicht überhaupt von vorneherein gewählt worden war.

    Was allerdings viele meiner Altergenossen in den vergangenen Jahren erstaunte, war die Reak-
    tion deutlich Jüngerer: Wir duzen, sie siezen zurück! Und zwar nicht etwa, um die Distanz einem "Fremden" gegenüber herauszustreichen, sondern weil viele von ihnen offenbar anders sozialisiert wurden. Das verunsichert natürlich: Soll ich auf das "Sie" umsteigen, um ja nicht für jemanden gehalten zu werden, der bewusst einen Altersunterschied hervorstreichen will? Oder soll ich erklären, dass ich eigentlich erwartet hätte, ebenfalls geduzt zu werden. Ist so etwas sehr peinlich?

    In jüngster Zeit habe ich jedoch eine erfreuliche Gegenbewegung verzeichnet. Als ich unlängst im Supermarkt meine Einkaufsrunde beendet hatte, hörte ich, dass die Kassierin manche Kunden ganz ungeniert duzte. Dass sie zumindest nicht alle in der Schlange persönlich kannte, lag auf der Hand. Als die Reihe an mich kam, fragte mich die junge Frau, der ich noch nie
    begegnet war: "Hast du Kleingeld?" Ich war begeistert. Ein kleines Siebziger-Revival, zumindest im Supermarkt.




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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2018-06-22 14:52:30
    Letzte Änderung am 2018-06-22 14:55:33


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