• vom 01.07.2018, 16:04 Uhr

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Sedlaczek am Mittwoch

Ein Sediment, das unsere Sprache bereichert hat




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Von Robert Sedlaczek

  • Sedlaczek am Mittwoch
  • Redewendungen mit dem Wort Sand stammen aus der Bibel, aus der Fechtersprache und aus der Maschinentechnik.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.


Der Sand ist ein beliebtes Material für Metaphern, sie finden sich schon in der Bibel. Gleich an mehreren Stellen kommt die Wendung "wie Sand am Meer" vor - zum Beispiel im 1. Buch Mose 41,49. "So speicherte Josef Getreide in sehr großer Menge auf, wie Sand am Meer, bis man aufhören musste, es zu messen, weil man es nicht mehr messen konnte."

Oder im 1. Buch Mose 22,16: "Ich habe bei mir geschworen - Spruch des Herren: Weil du das getan hast und deinen einzigen Sohn mir nicht vorenthalten hast, will ich dir Segen schenken in Fülle und deine Nachkommen zahlreich machen wie die Sterne am Himmel und den Sand am Meeresstrand..."

Die Wendung "etwas auf Sand gebaut haben" findet sich bei Matthäus 7,26-27: "Wer aber meine Worte hört und nicht danach handelt, ist wie ein unvernünftiger Mann, der sein Haus auf Sand baute. Als nun ein Wolkenbruch kam und die Wassermassen heranfluteten, als die Stürme tobten und an dem Haus rüttelten, da stürzte es ein und wurde völlig zerstört."

In dem protestantischen Kirchenlied "Wer nur den lieben Gott lässt walten" taucht das Bild ebenfalls auf: "Wer Gott dem Allerhöchsten traut / der hat auf keinen Sand gebaut."

Aus der Fechtersprache stammt die Phrase "jemandem Sand in die Augen streuen" - um sich einen Vorteil in der Auseinandersetzung mit dem Gegner zu verschaffen. Sie kommt schon bei dem römischen Schriftsteller Gellius mit dieser Bedeutung vor: Pulverem ob oculos aspergere: Staub gegen die Augen streuen.

Der Sandmann, eine Figur aus der europäischen Mythologie, war hingegen in seiner Bedeutung lange Zeit nicht eindeutig festgelegt. In E.T.A. Hoffmanns gleichnamiger Novelle taucht er als Kinderschreck auf, die heutige Bedeutung geht auf Hans Christian Andersen zurück: Das Sandmännchen streut den Kindern Sand in die Augen, damit sie bald einschlafen und schöne Träume haben.

Wenn etwas im Sand verläuft, dann geht es ergebnislos aus. Lutz Röhrich meint dazu in seinem "Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten", dies sei bildlich vom Wasserrinnsal im Wüstensand abzuleiten. "Vielleicht ist auch einfach an eine Spur oder eine Fährte zu denken, die nur bis zum Sand zu verfolgen ist; der Wind weht sie zu und macht sie im Sande unkenntlich."

Neueren Datums sind "jemandem Sand ins Getriebe schmeißen/schütten/streuen" und "Sand im Getriebe haben". Es ist evident: Diese Phrasen stammen aus der Maschinentechnik.

Nur in Österreich in Gebrauch sind die Wörter Sandler, sandeln, absandeln und herumsandeln. Sie haben etymologisch mit Sand nichts zu tun, sondern gehen auf ein uraltes Adjektiv sain mit der Bedeutung langsam, träge zurück. Das dazu passende Verb lautete saineln (= langsam sein im Tun und Sprechen), das Hauptwort war Sainel (= langsame, trödelnde Person).

Peter Wehle und einige andere Wörterbuchautoren dachten beim Wort Sandler an "Taglöhner, die in Ziegelfabriken die Ziegel mit Sand bestreuten". Die sogenannten Ziegelböhm’ waren allerdings keine Trödler, sie mussten ordentlich zupacken und wurden brutal ausgenützt. Eine Ableitung von Sand ist in diesem Fall also nachweislich falsch. Aber manche Irrtümer sind äußerst langlebig.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-06-26 16:10:38
Letzte Änderung am 2018-06-27 15:20:35


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