• vom 30.06.2018, 11:00 Uhr

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Einfalt und Größe




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Von Mario Rausch


    Sein Urteil über die Kunst der Antike prägte ganze Generationen von Archäologen und wirkt bis heute nach: Als Johann Joachim Winckelmann im Juni 1768 in Triest eines gewaltsamen Todes starb, verlor die Gelehrtenwelt jenen Mann, der als erster von der "edlen Einfalt und stillen Größe" antiker Kunstwerke sprach und damit seinen Zeitgenossen einen neuen Blick auf die Welt der Griechen und Römer erschloss.

    Am 9. Dezember 1717 kam Winckelmann als Sohn eines Schuhmachers in Stendal im heutigen Sachsen-Anhalt zur Welt, damals nicht gerade die besten Voraussetzungen, um in der europäischen Geisteswelt Fuß zu fassen. Doch der junge Johann fand von Anfang an Förderer, die sein Talent erkannten und ihm zunächst eine höhere Schulbildung, dann sogar das Studium ermöglichten - zunächst Theologie, dann auch Medizin.

    Information

    Mario Rausch, geboren 1970, lebt als freier Publizist in Klagenfurt und Wien.

    Seine wirkliche Passion aber waren philologische, philosophische und historische Studien, die er nebenbei betrieb. Gelegenheit dazu gab ihm seine berufliche Tätigkeit als Bibliothekar bei Heinrich Graf von Bünau auf Schloss Nöthnitz bei Dresden: Bünaus riesige, öffentlich benutzbare Privatbibliothek war eine der bedeutendsten in Europa. Zu ihren Besuchern gehörte auch der päpstliche Nuntius in Sachsen, Alberico Archinto, der von Winckelmann so beeindruckt war, dass er ihm die Stelle eines Bibliothekars in Rom anbot.

    Von dort aus unternahm er verschiedene Reisen in Italien, besuchte Neapel und Pompeji und sammelte Material für seine künftigen Schriften. Als Archinto 1758 starb, trat Winckelmann in den Dienst des Kardinals Alessandro Albani. Ab 1761 entwarf er in dessen Auftrag maßgeblich das Programm für die künstlerische Ausgestaltung der Villa Albani, deren Umsetzung vor allem in den Händen des Malers Anton Raphael Mengs lag.

    1763 wurde Winckelmann durch Papst Clemens XIII. zum Aufseher der Altertümer (Commissario delle Antichità) im Kirchenstaat sowie zum Scrittore an der Biblioteca Vaticana ernannt. 1764 erhielt er höchste wissenschaftliche Weihen, indem er zum auswärtigen Mitglied der Göttinger Akademie der Wissenschaften gewählt wurde.

    Die moderne Altertumswissenschaft hat viele von Winckelmanns Postulaten widerlegt: Wir wissen heute, dass die von ihm bewunderten weißen Marmorstatuen Italiens römische Kopien griechischer Originale waren, die ursprünglich in knalligen Farben erstrahlten. Dennoch hat der Mann aus Stendal mit seiner schwärmerischen Liebe für die Antike den Weg für eine intensive, nachhaltige Auseinandersetzung mit der Welt der Griechen und Römer bereitet.





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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2018-06-28 17:04:37
    Letzte Änderung am 2018-06-28 17:05:37


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