• vom 28.06.2018, 20:00 Uhr

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Update: 29.06.2018, 15:19 Uhr

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Wie man Tore herbeiredet




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Von Gerald Schmickl


    Wenn Sportreporter noch bei Stimme sind . . .

    Wenn Sportreporter noch bei Stimme sind . . .© Illustration aus: "Cartoons über Fußball" (Verlag Holzbaum, Wien). Wenn Sportreporter noch bei Stimme sind . . .© Illustration aus: "Cartoons über Fußball" (Verlag Holzbaum, Wien).

    "Die können uns ja nicht zum WM-Titel schreiben", hatte Toni Kroos nach seinem Last-Minute-Tor gegen Schweden eine kritische Flanke gegen allzu kritische Journalisten verbal ins Kreuzeck gezirkelt. Im Nachhinein wird es dem Deutschen und seinen nunmehr vielfach gescholtenen Mitspielern wahrscheinlich leid tun, dass sie auf derlei Hilfe nun nicht mehr zurückgreifen können. Hätte sie jemand wenigstens zum WM-Titel geschrieben, wenn sie schon nicht in der Lage waren, dieses Ziel spielerisch zu erreichen.

    An den deutschen Kommentatoren kann’s nicht gelegen haben - die bemühten sich nach Kräften. In besagtem Spiel gegen Schweden hatte ARD-Reporter Tom Bartels noch - vor rund 30 Millionen Zeugen an den Bildschirmen - auf treuherzig-telekinetischem Wege versucht, das lange ausstehende Siegestor des DFB-Teams "herbeizukommentieren". Und siehe da: er schaffte es, wenn auch erst in der 95. Minute, da war Bartels schon fast so stimmlos wie unser ORF-Mann Boris Kastner-Jirka beim Match der Deutschen gegen Korea. Dem hatte freilich weniger das verbale Anfeuern von Kroos, Özil & Co. die Stimme geraubt als vielmehr ein Infekt. Béla Réthy, der das - anders als geplante - Endspiel der Deutschen für das ZDF kommentierte, blieb ein das Schicksal abwendender Ein- und Zugriff auf das Match buchstäblich versagt. Dafür fand er treffende Worte. Seine beiden Sager - "Das ist hier alles keine Zeitlupe, das sind reale Bilder!" und "99 Minuten der Folter sind vorbei!" - haben schon jetzt, wenige Tage nach dem Ausscheiden des bisherigen Weltmeisters, Kult-Charakter. Und sie haben dem Reporter seltenes Lob eingebracht: "Béla Réthy war der Beste gegen Südkorea" titelte die "Bild"-Zeitung.

    Nun ist es ja immer Geschmackssache (und ein bisschen auch Lokalkolorit - oder eben gerade dessen demonstrative Leugnung), ob man deutsche oder österreichische TV-Kommentatoren bevorzugt. Das Urteil eines deutschen Freundes ist eindeutig: "Der ORF kommentiert die WM-Spiele schön fußballsportlich, während ZDF wie Polizei oder Heimleiter klingt . . .", ließ er mich per SMS wissen. Und ich muss ihm beipflichten - zumindest, was die heimischen Sportreporter anbelangt.

    Ich kann deren traditionelles Bashing im eigenen Land selten nachvollziehen - und bei dieser WM schon gar nicht. Befreit davon, die eigene Mannschaft übertrieben patriotisch bis chauvinistisch unterstützen zu müssen (oder Tore herbeizukommentieren), liefern sie in Russland durchwegs solide Leistungen ab. Auch da ist es natürlich wiederum Geschmackssache, wen aus der - mit ihren Namensendungen ähnlich einsilbig wie isländische -son-Fußballer klingenden - Riege (Bach-er, Rosch-er, Polz-er . . .) man präferiert. Ich etwa finde die abgeklärte (Selbst-)Ironie des bereits erwähnten Boris Kastner-Jirka besonders sympathisch - und hoffe, dass sich seine angekratzten Stimmbänder im Laufe des Turniers wieder erholen (vielleicht hilft Gurgeln mit Stolichnaya-Vodka - aber vielleicht kommt’s ja auch erst davon . . .). Wer unter seinem Kommentar dann Weltmeister wird, ist mir ziemlich egal.





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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2018-06-28 17:07:39
    Letzte Änderung am 2018-06-29 15:19:20


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