• vom 03.07.2018, 16:31 Uhr

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Update: 05.07.2018, 16:29 Uhr

Sedlaczek am Mittwoch

Die EU ist wieder einmal wortschöpferisch unterwegs




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Von Robert Sedlaczek

  • Sedlaczek am Mittwoch
  • Wer mitreden will, muss dazulernen. Was versteht man unter Ausschiffungsplattformen? Und was ist ein Pull-Faktor, den es nicht geben darf?

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.


Seit Anfang 2016 gibt es in der EU sogenannte Hotspots, zum Beispiel in Griechenland. Ich habe damals in diesem Blatt geschrieben, dass das Wort "Hotspot" im EU-Jargon eine völlig neue Bedeutung bekommen hat. Gemeint ist ein Ort, wo Flüchtlinge in Europa ankommen und verteilt werden. Dass das nicht funktioniert, ist mittlerweile hinreichend bekannt. Nun hat die EU einen neuen Vorstoß unternommen. Es soll künftig Zentren in Nordafrika geben, wo Emigranten gesammelt werden, die in der EU einen Asylantrag stellen wollen. Dort müsste wohl von internationalen Flüchtlingsorganisationen in einem Schnellverfahren geklärt werden, ob die betreffenden Personen eine Chance auf Asyl in Europa haben.

Ich halte den Ansatz für vernünftig. Es wurde ja stets kritisiert, dass Flüchtlinge, die nach Europa wollen, keine Wahl haben: Sie müssen ihr Schicksal in die Hände von Schleppern legen, diesen eine horrende Summe bezahlen und darauf hoffen, im Meer nicht zu ertrinken. Aber wie sollen die neuen Zentren bezeichnet werden? Im englischen Abschlussprotokoll des EU-Gipfels in Brüssel ist von "regional disembarkation platforms" die Rede, also von "regionalen Ausschiffungsplattformen". Das englische Wort platform ist allerdings von der Bedeutung her extrem dehnbar, im Deutschen bezeichnen wir als Plattform nur eine Aussichtsfläche, eine Laderampe oder die Basis eines Bohrturms, im übertragenen Sinn einen Ort für den Austausch von Ideen. Daher werden in den Zeitungen meist andere Ausdrücke verwendet, zum Beispiel "Ausschiffungszentren". Wörter wie "Aufnahmezentren" oder "Schutzzonen" wollte man offensichtlich vermeiden, die "Plattformen" sollen nicht als "Pull-Faktor" wirken, wie es im Protokoll heißt.


Ich kenne die Push-Pull-Strategie aus der Werbung. Als Pull-Strategie wird eine Marketingmethode bezeichnet, die darauf hinausläuft, dem Konsumenten über bezahlte Werbung oder PR lange Zähne auf ein Produkt zu machen. Merkt der Händler, dass das Produkt nachgefragt wird, nimmt er es in sein Sortiment auf. Erst jetzt habe ich herausgefunden, dass es ein Push-Pull-Modell der Migration gibt. Es wurde in den 1960er Jahren von Everett S. Lee aufgestellt. Die Migrationstheorie geht davon aus, dass Menschen aus ihrer Heimat "hinausgedrückt" und von einem anderen Land "angezogen" werden. Push-Faktoren sind die klassischen Fluchtursachen wie Krieg, Verfolgung, Umweltkatastrophen, Arbeitslosigkeit, Armut und Hunger. Pull-Faktoren sind Frieden und Sicherheit, ausreichende Stellenangebote, ein funktionierendes Gesundheitssystem, günstige Einwanderungsgesetze, die Möglichkeit des Familiennachzugs und so weiter.

Der Satz in der Abschlusserklärung soll also darauf hinweisen, dass man die Pull-Faktoren nicht hervorkehren beziehungsweise so weit wie möglich hintanhalten will. In der deutschen Fassung des Protokolls steht statt Pull-Faktor das Wort "Sogwirkung". Im Zuge der Flüchtlingsdebatte in Deutschland ist übrigens noch ein anderes bemerkenswertes Wort gefallen. Für Angela Merkel war die Brüsseler Übereinkunft "wirkungsgleich" mit dem, was die CSU gefordert hatte. Auch dieses Wort, das noch in keinem Wörterbuch steht, werden wir uns wohl merken müssen.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-07-03 16:37:43
Letzte Änderung am 2018-07-05 16:29:02


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