• vom 04.07.2018, 16:51 Uhr

Glossen

Update: 05.07.2018, 10:34 Uhr

Maschinenraum

Organversagen




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Von Walter Gröbchen

  • Maschinenraum
  • Menschen, die Medienkompetenz erlernt haben, riechen Fake News, Scheinheiligkeit, Lobbying und Zensur Kilometer gegen den Wind.



Ich finde ja, jede politische Gruppierung, die nachweislich systematisch Fake News produziert oder deren Verbreitung fördert, hat die Berechtigung verspielt, Einfluss auf seriöse journalistische Inhalte nehmen zu dürfen. Um nicht im Unkonkreten zu verharren: Solange etwa eine Regierungspartei Medien wie "unzensuriert.at" oder die "Aula", das Zentralorgan der Übelmeinenden und Ewiggestrigen, unterstützt - ich weiß schon, offiziell haben die alle miteinander nichts zu tun -, ist jeder Vorstoß, publizistische Ausgewogenheit zu verlangen und dafür mit lauten, lauteren und unlauteren Mitteln sorgen zu wollen, als Farce decouvriert. Dem Ratschlag "Jeder kehre vor seiner eigenen Tür" nach wäre etwa zum Beispiel der Mediensprecher der FPÖ dringend angehalten, seine eigenen Propagandakanäle und Parteipostillen näher unter die Lupe zu nehmen, statt sich mit Armin Wolf, Corinna Milborn und diversen Chefredakteuren anzulegen.

Aber ich will in einer Technik-Kolumne nicht politisieren. Oder nur am Rande. Weil es sich, wenn man den Bogen etwas weiter spannt, kaum vermeiden lässt. Wie sehr die rasanten Entwicklungen der digitalen Hemisphäre in unseren realpolitischen Status quo hineinspielen, ist selbst dem tumbsten Nudeldrucker von Pressesprecher mittlerweile klar. Social Media dienen allseits als Durchlauferhitzer, auch wenn man die Spielregeln und Algorithmen-Schaltpläne nicht recht intus hat. Deswegen auch dieser kuriose Hase-Igel-Wettlauf, den Heerscharen an Beratern und Kommunikationsagenten im Auftrag ihrer Machthaberer veranstalten: Von "Agenda Setting" bis "Message Control", von "Framing" über Likes- und Follower-Kauf bis zu plumper Medienmanipulation reicht das Arsenal der vermeintlichen Wunderwaffen. Am Ende ist die Verwirrung zwar groß, aber die Wahrheit unbesiegbar. Zumindest auf längere Sicht.


Oder meinen Sie, dass uns in hundert Jahren - um einmal den Blick über den Tellerrand zu heben - die Nachfahren von Donald Trump und Kim Jong-un immer noch mit ähnlich surrealistischen Inszenierungen wie anno 2018 belästigen werden? Ich würde die - leider noch nicht erfundene; wär’ das kein Betätigungsfeld für Elon Musk? - Zeitmaschine ja auch zu gerne nutzen, um einen strengen Blick über die Schulter zurück in die Gegenwart zu richten. Da werken die Medienzampanos und Politmaschinisten dieses Planeten gerade wie wild an wichtigen Weichenstellungen. Soll man Google, Facebook & Co. an die Kandare nehmen? Kann man’s überhaupt? Ist die EU-Copyright-Richtlinie zukunftstauglich? Upload-Filter ja oder nein? Ist das Leistungsschutzrecht für Verleger nicht ein Schuss ins eigene Knie? Sind diese Fragen nicht alle nebbich, wenn man nach China - Stichwort: "Social Credit System" - blickt?

Ich sag’ Ihnen was: Ich weiß es auch nicht. Wer letztlich recht hat(te), wird sich erst in der Praxis zeigen. Morgen. Oder überübermorgen. Aber ich würde heute alles dafür tun, um mir eine möglichst klare, faktenbasierte, von Lobbyisten und G’schaftlhubern aller Seiten unbehelligte Meinung bilden zu können. Und, ja, Journalisten, die diese Berufsbezeichnung verdienen, können einiges dazu beitragen. Denken müssen Sie am Ende immer noch selbst.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-07-04 16:59:01
Letzte Änderung am 2018-07-05 10:34:15


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