• vom 07.07.2018, 11:00 Uhr

Glossen


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Im Tode vereint




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Von Matthias G. Bernold


    Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien.

    Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien. Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien.

    Fuzi, der gelbe Wellensittich, war unser erstes Haustier. Eines Tages lag er rücklings auf dem Käfigboden. Wir Kinder wollten es zunächst nicht glauben, dass er diese Welt verlassen hatte. "Vielleicht ist Fuzi nicht tot, sondern ruht sich nur aus", versuchten wir - ähnlich wie im legendären Sketch von Monty Python - unsere Eltern zu überzeugen. Doch alle Hoffnung war vergebens. Der Wellensittich war nicht mehr.

    Papa packte das Tier in einen Karton, holte den Spaten und grub ein Loch im Garten: Am Zaun, gut zu sehen vom Küchenfenster, verschwand Fuzi unter der Erde. Wir Kinder standen mit Tränen in den Augen vor dem Grab.

    In den darauffolgenden Jahren sollten weitere Kleintiere folgen: die Meerschweinchen Rosi und Susi, ein Hase, dessen Namen ich vergessen habe, ein weiterer Sittich, der mit dem Hasen in einer Art Spezies-übergreifenden Liebesbeziehung stand und mit ihm den Hasenkäfig bewohnte. Maximilian, das Schildkrötenmännchen, fiel hingegen um seinen Platz im Garten um. Der Gauner grub sich unter dem Zaun hindurch, um in die Welt zu ziehen.

    Wer - abgesehen von Maximi- lian - unbedeckt von Erde seine letzte Ruhe fand, sind die Familienhunde, die uns viele Jahre begleiteten: Kitty, unsere Mischlingshündin, die so gerne Eichhörnchen jagte. Lizzy, unsere Berner
    Sennenhündin mit der ausgeprägten Angst vor Biotonnen. Statt in Sichtweite ihrer Familie zu ruhen, landeten sie in der Tierkadaververwertung. Beide zu früh geboren und verstorben, um in den Genuss eines neuen Service der Stadt Wien zu kommen: des Gemeinschaftsgrabs für Tier und Herrchen bzw. Frauchen auf dem Friedhof der Feuerhalle Simmering.

    Das neue Angebot kann freilich nur ein erster Schritt sein. Wie jeder weiß, der mit offenen Augen durch die Stadt geht, sind die innigsten Liebesbeziehungen unserer Zeit nicht die zwischen Mensch und Dackel, sondern die zwischen Mensch und Automobil. Wer je die Zärtlichkeit im Umgang, die Hingabe und die emotionale Tiefe dieser Verbindungen bestaunte, kann nicht umhin, in den neuen Tier-Mensch-Friedhöfen eine ungerechte Privilegierung, wenn nicht sogar eine unsachliche Ungleichbehandlung zu sehen.

    Dass vonseiten der Automobil-Clubs nicht längst schon eine Protestnote über die Medienverteiler sauste, kann nur der Unaufmerksamkeit der Presseabteilungen geschuldet sein. Denn: Wer sein Leben lang Kränkungen durch Parksheriffs, Baustellen, Grätzeloasen, Schanigärten und sonstige parklebensraumvernichtende Maßnahmen erfuhr, der sollte doch bitte wenigstens im Jenseits ungestört am Lenkrad sitzen bleiben dürfen. Höchste Zeit für Wiens ersten Mensch-Auto-Friedhof: Freies Parken für freie Seelen!





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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2018-07-05 15:55:45
    Letzte Änderung am 2018-07-05 16:22:01


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