• vom 08.07.2018, 11:00 Uhr

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Meine 68er-Revolte




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Von Irene Prugger


    Irene Prugger, geboren 1959, lebt als Schriftstellerin und freie Journalistin in Mils bei Hall in Tirol.

    Irene Prugger, geboren 1959, lebt als Schriftstellerin und freie Journalistin in Mils bei Hall in Tirol. Irene Prugger, geboren 1959, lebt als Schriftstellerin und freie Journalistin in Mils bei Hall in Tirol.

    Meine 68er-Revolte fand im Jahr 1972 statt. Ich war dreizehneinhalb und wild entschlossen, mir die langen Haare abschneiden zu lassen. Haareschneiden fiel schon damals nicht unter das Jugendschutzgesetz, außerdem verkaufte man in dieser Zeit auch Alkohol und Nikotin an Minderjährige. "Hast du das mit deiner Mutter abgesprochen?", fragte mich trotzdem die Friseurin, die mit meiner Familie bekannt war. Meine Mama sei aus praktischen Gründen nun endlich doch einverstanden, log ich frech. Um die Wahrheit zurechtbiegen oder ausschmücken zu können, brauchte ich keine bewusstseinserweiternden psychedelischen Drogen.

    Ich wollte einen Haarschnitt wie die Beatles und dann Gitarrespielen lernen, um wie meine Vorbilder eine erfolgreiche Band zu gründen. Die Beatles waren 1972 schon wieder getrennt, aber ich bin heute nicht mehr sicher, ob diese Nachricht damals schon bis zu mir vorgedrungen war.

    Mein neuer Haarschnitt war nicht unbedingt vorteilhaft, wie mir nicht nur die Reaktion meiner Mutter zeigte, die "entsetzlich!" rief , sondern wie mir auch die alten Fotos bestätigen. Da traf es sich gut, dass Che-Guevara-Mützen jetzt auch in unseren Kreisen (revolutionäre Hauptschülerinnen- Viererbande, die sich ihre Weltsicht heimlich aus der "Bravo" holte) in Mode waren.

    Als sichtbare Zeichen unseres Engagements klebten wir große Poster des Kriegshelden in unsere Zimmer. Hätte uns jemand gefragt, weshalb man diesem "Che" einen so prominenten Platz auf dem Altar des kämpferischen politischen Widerstands einräumte, hätten wir betreten schweigen müssen. Auch unsere Eltern versagten diesbezüglich mit der Aufklärung kläglich. Bei ihnen subsumierte sich alles, was in unseren Zimmern an der Wand hing, unter dem Sammelbegriff "Popstar". Ob Glitzer- oder Tarnanzug - was machte den Unterschied? Meine Eltern schauten gar nicht richtig hin, weil sie der aufgetürmte Kleiderhaufen vor meinem Bett immer dermaßen ablenkte. Ein "Make love, Not war"-Shirt lag hier übrigens nie herum, ich hätte zwar gerne eines gehabt, ohne die genaue Bedeutung des Slogans zu verstehen, bin aber nie an eines gekommen.

    Irgendwie kam unsere Revolte nicht so richtig in Schwung, vielleicht, weil uns niemand ernst nahm, auch wir selber nicht, vielleicht, weil wir uns musikalisch noch nicht eingestimmt hatten. Deshalb ran an die Gitarren, Mädchen! So einfach sei das nicht, hieß es da gleich. Das müsse man schon von Grund auf lernen. Also wurde ich in einen Kurs geschickt und musste in vorbildlicher Konzertgitarrenhaltung Etüden von Fernando Sor spielen, bis ich genervt aufgab. Meine persönliche 68er-Revolte übrigens auch. Sie war, wie meine Eltern immer behauptet hatten, tatsächlich nur eine Phase gewesen. Ich kann niemandem die Schuld geben außer mir selbst. Die Punkmusikerin Viv Albertine von The Slits hat sich einfach über alle Vorgaben und Regeln hinweggesetzt.





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    Dokumenten Information
    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2018-07-05 15:55:46
    Letzte Änderung am 2018-07-05 16:20:24


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