• vom 05.07.2018, 16:08 Uhr

Glossen


Arbeitslose

Na ja, dafür erspart er sich den Pensionsschock




  • Artikel
  • Lesenswert (46)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Claudia Aigner

  • Kunstsinnig
  • Wer von Beruf arbeitslos ist, an 50 plus leidet und sich um eine Stelle als Pensionist bewirbt, der kann einfach nicht arbeitsunfähig genug sein.



Schon wieder weniger von denen. Wenn die sich weiter so fleißig über die Häuser hauen, werden wir sie bald endgültig los sein, die Arbeitslosen. (Die Alos.) Als das AMS sie Ende Juni durchgezählt hat, haben jedenfalls 18.537 von ihnen gefehlt. (Gegenüber dem Mai.) Mein Lieblings-Alo ist zwar keiner von den Glücklichen, die es aus der Arbeitslosenstatistik rausgeschafft haben, aber happy ist auch er inzwischen.

Er hat nämlich Post bekommen. "Wir erlauben uns höflichst, Sie zu einem Vorstellungsgespräch einzuladen . . . blablabla . . . mit anschließendem Cocktailempfang." Nein, natürlich nicht. (Ach, ohne Margaritas?) Auf dem Zettel ist außerdem nicht "Einladung" gestanden, sondern "Bescheid". Das Vorstellungsgespräch (inklusive ärztlicher Begutachtung) bei der PVA hat ja bereits vor Wochen stattgefunden. Nachdem er sich für eine Stelle als Pensionist beworben hatte, der Bernard G. (Sein richtiger und vollständiger Name steht wegen der Datenschutz-Grundverordnung nicht einmal auf seiner Wohnungstür. Weil Huber - Name aus datenschutzrechtlichen Gründen ebenfalls geändert - heißt er genauso wenig.) "Ihr Antrag vom Soundsovielten auf Gewährung einer Berufsunfähigkeitspension wird abgelehnt, weil Berufsunfähigkeit nicht vorliegt." Moment: abgelehnt! Eine Absage? Und trotzdem ist er glücklich? Also, normal kommt mir das nicht vor. Hat er denn nicht den Befund seines Psychiaters gelesen? Weiß er nicht, dass er depressiv ist? Ich zitiere: ". . . affektiv arm, Antrieb reduziert, geht auch kaum aus der Wohnung." Äh, und dann kauft er sich ausgerechnet einen Schrittzähler? "Sollt eigentlich die Krankenkassa zoin. Schließlich hod ma die 10.000 Schritte pro Tog mei Kardiologe verordnet. Oba nochm Schuachzuabinden bin i eh imma scho so fertig, doss i an Reha-Aufenthoid brauch. Auf da Couch."


Wie kommt er überhaupt auf die Idee, er könnte arbeitsunfähig sein? Na ja, wegen der ungesunden Sachen, die ihm dieser Spitalsarzt in den Patientenbrief reingeschrieben hat. Unter dem Punkt "Diagnosen bei Entlassung". Subakuter Vorderwandinfarkt, Morbus Menière ("Do bist seekrank, nur hoid an Land. Und olle glau’m, du bist a Bsoffener und beschimpfen di als Schwein." - "Und wennst afoch an Kaugummi gegen Reiseübelkeit kaust?"), Taubheit rechtes Ohr (telefonieren tut er ohnedies mit dem linken), Depressio, 50 plus (oh, diese unheilbare Krankheit hat der Onkel Doktor vergessen aufzulisten). Aber der Bernard hat sich sowieso geirrt. "Blabla . . . ist Ihre Arbeitsfähigkeit nicht so weit herabgesunken, dass die Ausübung einer auf dem Arbeitsmarkt noch bewerteten Tätigkeit nicht mehr möglich wäre." (Was heißt "noch bewertet"? Wohl nix, wovon man leben kann.) Da glaubt eben noch wer an ihn. Dass die AMS-Kurse der letzten sieben Jahre nicht völlig umsonst gewesen sind und er sich irgendwann richtig bewerben wird.

Mittlerweile steht er wieder auf einem weißen Plastikarmband, sein richtiger und vollständiger Name (den freilich keiner lesen darf, nicht einmal die behandelnden Ärzte), weil der Bernard stündlich seinen dritten Stent erwartet. Den Spruch an der Wand kann er bereits vom letzten Mal auswendig: "Da es sehr förderlich für die Gesundheit ist, habe ich beschlossen, glücklich zu sein." Den sagt er sich dauernd als Mantra vor. Und grinst dabei um sein Leben.




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-07-05 16:16:57


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Die niederösterreichischen Judenregister
  2. Darf ich dann die Notbremse ziehen, wenn einer eine Pizza isst?
  3. Prä-Montagsstress
  4. Der Duft der weiten Welt
  5. Dienst nach Vorschrift
Meistkommentiert
  1. Die niederösterreichischen Judenregister
  2. Dienst nach Vorschrift
  3. Die drei Musketiere: Kickl, Seehofer und Salvini
  4. Wo samma daham?
  5. Darf ich dann die Notbremse ziehen, wenn einer eine Pizza isst?

Werbung




Werbung