• vom 15.07.2018, 11:00 Uhr

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Versuche über das Rasenmähen




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Von Holger Rust


    Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.

    Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover. Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.

    Des Lebens Zufälle haben es mit sich gebracht, dass meine Familie auf einem Grundstück lebt, das an drei andere Grundstücke grenzt. Prinzipiell eröffnet eine solche Lage interessante Möglichkeiten juristischer Auseinandersetzungen. Es ist hier allerdings so, dass wir uns prächtig verstehen, mithin auch Gespräche über den Zaun hinweg führen, was meist eine spontane Einladung nach sich zieht. Der einzige Punkt, in dem wir uns massiv unterscheiden und der zuweilen prinzipielle Debatten provoziert, ist die Wahl der besten Rasenmäher-Technik.

    Dabei muss gesagt werden, dass die Vorliebe für die eine oder die andere technische Lösung eher akademisch ist. Denn die generelle Erfahrung mit den verschiedenen Möglichkeiten, das Gras am Wachsen zu hindern, ist, dass sie alle schwere Defizite aufweisen. Fangen wir an mit dem Nachbarn rechter Hand, einem Ingenieur, der schon von Berufs wegen avantgardistischen Lösungen gegenüber aufgeschlossen ist: Er hat einen Mäh-Roboter angeschafft, der nun tagein, tagaus über die Scholle kurvt, die Halme kurz hält und zugleich auch, wie der Ingenieur stolz hinzufügt, "mulcht".

    Leider nicht immer. Denn unsere Grundstücke sind nicht ganz eben, und so geschieht es, dass der von uns anderen Nachbarn darob respektlos "Lemming" genannte Roboter sich regelmäßig kleinere Abhänge hinunterstürzt. Vielleicht sind Drähte falsch verlegt, auf jeden Fall verendet das Ding immer wieder im Gebüsch.

    Die Häme hält sich allerdings in Grenzen, wenn der Nachbar mit dem fossile Brennstoffe konsumierenden Klassiker beginnt, seinen Rasen zu mähen, was natürlich einen Höllenlärm verursacht - für den Fall, dass er anspringt. Im Prinzip ist das ganz einfach. Man zieht heftig an einer Art Reißleine, um den Motor anzuwerfen. Mitunter reichen drei bis fünf Versuche. Meist jedoch nicht. "Abgesoffen", sagt dann der Ingenieur, oder: "Zündkerzen verrußt".

    Über so etwa kann ich nur lachen, weil ich auf E-Mobilität umgestellt habe. Weniger Lärm, gutes Gewissen, zudem keine Datenübertragung wie beim Lemming. Das einzige Problem sind die Kabel, die oft beim Versuch, sie schwungvoll aus den Mähbahnen zu schleudern, in die Rotoren geraten und Kurzschlüsse auslösen. Die zwei Jahre seit der Anschaffung haben ihre Spuren hinterlassen, die unser Ingenieur mit Isolierband-Reparaturen erzeugt hat.

    Nun kommt der vierte Nachbar ins Spiel, den wir eigentlich hassen müssten, weil er seinen Rasen gar nicht mäht. Das heißt also, dass dieser Rasen eine Unkrautwiese darstellt, die gerade im Frühjahr Wolken von Löwenzahnsamen auf die anderen Grundstücke weht.

    Aber wir hassen ihn nicht. Wir beneiden ihn, wenn er von seinem Thinking Man’s Chair, ein Getränk in der Hand, zuschaut, wie der Lemming sich in Abgründe stürzt, Kabel zerfetzt werden und Reißleinen das tun, was ihr Name nahelegt, nämlich reißen. Neuester Gedanke: Wir schaffen uns ein Schaf an. Mal sehen, was dann passiert.





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    Dokumenten Information
    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2018-07-12 17:07:54
    Letzte Änderung am 2018-07-12 17:36:37


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