• vom 14.07.2018, 11:00 Uhr

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Flucht vor Fußball




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Von Andreas Wirthensohn


    Andreas Wirthensohn, geb. 1967, ist freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker in München.

    Andreas Wirthensohn, geb. 1967, ist freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker in München. Andreas Wirthensohn, geb. 1967, ist freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker in München.

    Gleich ist es geschafft. Alle Fußballfreunde werden natürlich zu Tode betrübt und plötzlich mit sinnlos leeren Tagen ohne das Füllmaterial namens WM-Spiel konfrontiert sein. Für alle Fußballdesinteressierten aber wird nach dem Endspiel am Sonntag endlich eine Zeit anbrechen, in der auch sie wieder ein normales Leben führen können: mit normalem Fernsehprogramm, mit Gaststätten ohne lästig lärmendes Public Viewing und mit Alltagsgesprächen, an denen auch sie wieder teilhaben können.

    Ich selbst mag den Fußball eigentlich, aber schwer auf die Nerven geht mir sein seit Jahren überhandnehmender Anspruch, sämtliche Aufmerksamkeit auf sich zu vereinen. Alle zwei Jahre, wenn WM oder EM ins Haus stehen, hat das Leben sozusagen Spalier zu stehen für vier Wochen Gekicke, und wer sich dem widersetzen will, landet schon bald im gesellschaftlichen Abseits.


    Miesepeter, arroganter Schöngeist, unpatriotischer Nörgler, das sind noch die zartesten Etiketten, die man aufgeklebt bekommt. "Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche", rief einst Kaiser Willy Zwo 1914 vom Berliner Balkon, und so ähnlich tönt es, wenn das Kräftemessen der Nationen auf dem Rasen beginnt (das für uns Deutsche diesmal gleich schon wieder vorbei war).

    Als Gegenstrategie habe ich seit einigen Jahren die zumindest temporäre Flucht in sogenannte Nichtteilnehmerländer entdeckt. Dort geht das Leben weitgehend seinen gewohnten Gang, der Fußball wird allenfalls mit Interesse und nicht mit nationalem Furor wahrgenommen, und nirgends fällt es leichter, das Spektakel gänzlich zu ignorieren.

    Österreich ist dabei natürlich immer eine gute Wahl, in diesem Jahr auch Italien. Sehr zu empfehlen sind auch das Baltikum oder Finnland. Ich habe mich dieses Jahr für die etwas gewagtere Variante Wales entschieden - gewagt deshalb, weil Wales trotz Dutt-Träger Gareth Bale nicht dabei ist in Russland, andererseits Wales als noch immer fester Bestandteil der britischen Inseln aus der Not heraus vielleicht dann doch sein Herz für die kickenden Engländer entdeckt.

    Um es kurz zu machen: Die Waliser interessieren sich in erster Linie fürs Essen und Trinken, dann für Rugby, und für den Fußball bleibt noch ein wenig Restneugier. Wem selbst die noch zu viel ist, der sollte eines der vielen indischen Lokale aufsuchen, die es dort (empirebedingt!) allerorten gibt. Eines der besten hieß "Blue Elephant", und mein anfänglicher Schreck, als dort ein Fernseher lief, löste sich schnell in Wohlgefallen auf. Statt England gegen Tunesien schaute man dort in fast schon nirwanahafter Gelassenheit - Cricket.




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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2018-07-12 17:34:53
    Letzte Änderung am 2018-07-12 17:38:27


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