• vom 18.07.2018, 16:35 Uhr

Glossen

Update: 20.07.2018, 13:14 Uhr

Maschinenraum

Dienst nach Vorschrift




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Von Walter Gröbchen

  • Maschinenraum
  • Inzwischen, so scheint es, wird jede Unhöflichkeit, Unfähigkeit oder systematische Unwilligkeit offizieller Stellen mit "Datenschutz" begründet.



Stellen Sie sich vor, Sie haben eine betagte Mutter, die allein in einem Haus am Land wohnt, achtzig Kilometer von Ihnen entfernt. Da sie schon etwas gebrechlich ist, trägt sie für den Notfall - etwa einen Sturz - ein Armband, das sie auf Knopfdruck mit der regionalen Caritas-Nothilfe verbindet. Stellen Sie sich weiter vor, es erreicht Sie mitten in der Nacht ein Anruf, Ihre Mutter hätte einen Schwindelanfall erlitten, sie wäre kurz ohnmächtig gewesen und so unglücklich gestürzt, dass ein mächtiger Bluterguss am Kopf entstanden sei. Der Caritas-Nothelfer hätte das Rote Kreuz informiert, dieses hätte sie in ein Krankenhaus gebracht. In welches, wäre allerdings unklar (es gibt in der Umgebung einige). Auf Nachfrage, was denn die Geheimniskrämerei solle, meint der Caritas-Mitarbeiter, ja, das sei schon eigen, aber die Notruf-Zentrale verweigere derartige Auskünfte. Sogar auf offizielle, schriftliche Nachfrage. Als Begründung erfahre man immer nur lapidar: "Datenschutz".

Nun ist diese Geschichte - sie beruht auf realen Ereignissen - gut ausgegangen. Es war meine Mutter, der dies widerfuhr. Sie ist mittlerweile wieder bei stabiler Gesundheit. Zuhause. Aber die Sache wollte ich doch nicht einfach auf sich beruhen lassen. Datenschutz? Es hatte mich in jener Nacht doch einige Mühe gekostet - und die frühmorgendliche Nachfrage bei Nachbarn -, um den genauen Aufenthaltsort meiner Mutter herauszufinden. Immerhin war man so freundlich, mich telefonisch mit ihr zu verbinden. Als meine Schwester dann wenig später dasselbe versuchte, wurde ihr das allerdings verweigert. Erraten: "Aus Datenschutzgründen". Es hieß, sie möge doch persönlich vorbeikommen - sie wohnt allerdings doppelt so weit vom Krankenhaus entfernt wie ich selbst. Noch am selben Tag fuhr ich hin und brachte meiner Mutter ein Mobiltelefon.


Der Punkt ist: inzwischen, so scheint mir, wird jede schlichte Unhöflichkeit, persönliche Unfähigkeit oder systematische Unwilligkeit seitens offizieller Stellen mit "Datenschutz" begründet. Auf Nachfrage, was denn der ganze Zirkus solle, erhielt ich eine bezeichnende Antwort. Meine "Anschuldigungen" weise man "auf das Schärfste" zurück, nicht erst seit Inkrafttreten der DSGVO sei "eine telefonische Beauskunftung von patientenbezogenen Daten an Dritte strengstens verboten". Auf den Einwand, dass meine Mutter hätte sterben können, während ich noch recherchieren hätte müssen, wo sie denn eigentlich sei, meinte man nur, ich könnte ja auch zu einer Personengruppe zählen, "die sich aus diversen Gründen (von Neugier bis hin zu Medien) Zugang verschaffen möchte". Um meine Legitimation als Sohn nachzuweisen, möge ich mich an die jeweilige Einrichtung nach "SanG" wenden.

Danke! Man komme diesen sturen Dienst nach Vorschrift-Rittern nicht mit Empathie und gesundem Menschenverstand. Die neue, komplexe und teils widersprüchliche Datenschutzgrundverordnung ist eine Vitalinjektion für bürokratische Ungeister. Kurios nur, dass die Caritas mir auf Nachfrage, bei wem ich mich beschweren könne, die Mobilnummer des Notruf-Oberkapos gab. Seine private. Das ist natürlich auch eine Form des Kommentars, die mit der DSGVO eher nicht konform geht. Aber sie ist redlich verdient.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-07-18 16:41:08
Letzte Änderung am 2018-07-20 13:14:04


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