• vom 22.07.2018, 11:00 Uhr

Glossen


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Der Duft der weiten Welt




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Von Hans-Paul Nosko


    Hans-Paul Nosko, geboren 1957, lebt als Journalist und Glossist in Wien.

    Hans-Paul Nosko, geboren 1957, lebt als Journalist und Glossist in Wien.© Robert Newald Hans-Paul Nosko, geboren 1957, lebt als Journalist und Glossist in Wien.© Robert Newald

    Als ich unlängst auf der Internet-Seite der ÖBB nach einer Zugverbindung suchte, bemerkte ich, dass dort etwas angeboten wird, das in den 70er Jahren einen nahezu magischen Klang hatte: Interrail. Sofort ging ich zu meinem Schreibtisch und kramte in den Laden, bis ich auf das kleine Heftchen stieß, das ich gesucht hatte. Vorne der riesenhafte blaue Punkt, darunter, händisch eingetragen, der erste und der letzte Tag der Reise und in der letzten Zeile der schlichte Hinweis "Angebot für junge Leute". Im Inneren war Platz für 35 Reisestrecken, die vom Schaffner des jeweiligen Zuges abzustempeln waren. Das Ganze so bemessen, dass es exakt in die hintere Tasche einer Bluejeans passte.

    Das Interrail-Ticket war für uns das Symbol grenzenloser Freiheit. Einen Monat lang weg von zu Hause, mehr als zwanzig Länder, die wir in beliebiger Richtung bereisen konnten: bis Portugal oder Rumänien, bis Norwegen oder Marokko. Etliche brachen zu zweit auf oder in kleinen Gruppen, manche bestiegen den ersten Zug alleine, um jedoch bereits im Abteil eine Bande Gleichgesinnter kennenzulernen, mit denen man die beabsichtigte Route besprach und diese im Nu zu ändern bereit war, wenn die neuen Reisegefährten ein noch spannenderes Ziel vorschlugen.


    Den meisten gemeinsam war der riesige Tramperrucksack. Ein Ungetüm aus buntem Synthetikstoff mit Alugestänge und einer Unzahl von Riemen und Taschen, unten der Schlafsack, oben drauf die Isomatte, seitwärts herunterbaumelnd ein Paar blau-weiße Adidas-Schuhe oder irgendwann indische Sandalen, die man in der Carnaby Street im Londoner Stadtteil Soho erstanden hatte.

    Unsere Schlafstätten waren zumeist Jugendherbergen und, da gratis, die Züge selbst, manchmal gleich für zwei Nächte hintereinander: Auf einer Reise von Rom nach Rovaniemi kamen rasch ein paar Tausend Kilometer zusammen. Hier keinen Liegewagen zu buchen, sondern im Sechserabteil auf ausgezogenen Sitzen zu nächtigen, war Teil der Folklore. Ein wenig unbequem war ein Schlafplatz auf dem Gang. Insbesondere dann, wenn dieser sich direkt neben der Toilette befand, diese seit Tagen verstopft war und deren Türe sich nicht mehr schließen ließ. Ganz zu schweigen von Störenfrieden wie Schaffnern, Zollbeamten oder Mitreisenden, die zwischen Abteil und Speisewagen pendelten. Nach zwei Tagen im Zug verströmte man einen sehr speziellen Geruch, der jedoch nicht weiter störte, da er den meisten Interrailern über kurz oder lang anhaftete.

    Ich weiß nicht, wie das heute abläuft. Die Sechserabteile, in denen so manche Bekanntschaften geschlossen wurden, gibt es nicht mehr, und die Toiletten sind moderner geworden. In unserer Zeit der strikten Hygieneregeln wird sich bei den Reisenden olfaktorisch wohl auch einiges gewandelt haben - ich hoffe nur, dass vom Duft der weiten Welt, den Interrail vor vierzig Jahren verströmte, noch ein wenig übrig geblieben ist.




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    Dokumenten Information
    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2018-07-19 16:14:12
    Letzte Änderung am 2018-07-19 16:46:28


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