• vom 19.07.2018, 18:00 Uhr

Glossen


U6

Darf ich dann die Notbremse ziehen, wenn einer eine Pizza isst?




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Von Claudia Aigner

  • Kunstsinnig
  • Ein (partielles) Mundbefüllungsverbot in den Öffis ist ja gar nicht nötig. Man müsste bloß die Leute dazu bringen, die Verkehrsregeln zu lesen.



He, bestimmen wir die ärgsten Stinker doch mittels "Publikumsjoker" (Online-Voting) und dann ziehen wir sie aus dem Verkehr. Aus dem öffentlichen Verkehr. Und wie genau wollen wir dafür sorgen, dass sie nimmer Bim oder U-Bahn fahren? Na ja, wir schreiben ihre Namen einfach auf eine Liste (Pizza, Leberkässemmel, Kebab . . .). Problem gelöst. Aber vielleicht drehen wir auch noch ein Filmchen für die Infoscreens: "Angriff der Killerpizzen." Wo randalierende Monster-Pizzaschnitten kreischende Fahrgäste durch den Zug jagen und mit ihrem Belag bewerfen. Mit Champignons, Zwiebelringen . . .

Ungefähr das ist der Plan. (Keine neuen Sittenwächter? Keine Mouth Watchers?) So wollen die Wiener Linien ihre Kunden jedenfalls vor Geruchsbelästigungen durch riechende Speisen schützen. (Haben die noch nie was von Duftbäumchen gehört?) Vorerst einmal auf einer Teststrecke. Auf den 17 Kilometern der U6. Dabei wären die alten Beförderungsbedingungen völlig ausreichend. Hängen in jeder U-Bahnstation aus. Ein urlanger Dreispalter. Und wer, bitte, soll das alles lesen? Über 150 Zeilen! Bald ein Vierspalter, wetten? Wenn jeder böse Snack extra aufgeführt werden muss. Oder will man die U-Bahntüren lieber mit Piktogrammen vollkleben? (Durchgestrichene Pizza, durchgestrichener Burger . . . - Burger: klingt eh fast wie Burka.) Besser wär’s. Diese Bildchen funktionieren nämlich wirklich. Im Kapitel "Verboten ist" ist zum Beispiel eins beim Punkt i ("Der Konsum alkoholischer Getränke"): Weinflasche, Weinglas, Strich durch. Drum trinken die Alkis brav - Bier.


Punkt g (unbebildert): "Jede Handlung und/oder Tätigkeit, die eine Gefahr für andere Fahrgäste darstellt oder diese belästigt." - ". . . oder diese belästigt." Alles klar? Ist Mampfen eigentlich eine Handlung oder eine Tätigkeit? Eine Gefahr stellt es aber eindeutig dar. Fettige Haltegriffe sind bei einer Vollbremsung echt kein Spaß. Oder dauernd auf Nudeln auszurutschen, weil einer unbedingt mit Stäbchen essen muss. Okay, kann ich auf einer Bananenschale genauso. Ja, weg mit den Bananen! Ein generelles Mundbefüllungsverbot wäre auf alle Fälle weniger kompliziert. Hm. Würden Nikotinkaugummis erlaubt bleiben? (Aus medizinischen Gründen. Entzug!) Und Hustenzuckerln? Wurscht. Oder Pizza. Zuwiderhandeln hätte sowieso keine Konsequenzen. Schon bisher haben ja offenbar nicht einmal die Mitarbeiter der Wiener Linien selber das "Verboten ist"-Kapitel fertiggelesen. "Bei Verstoß gegen die oben genannten Punkte zahlen Sie einen Betrag in der Höhe von 50." Oder hat irgendwer irgendwen gesehen, der gegen Punkt b verstoßen hat ("Das Ein- und Aussteigen nach Abfertigung der Fahrzeuge") und 50 Euro blechen hat müssen?

Bleiben den Öffi-Nutzern also bloß die Noteinrichtungen. (Notbremse, Nothammer . . . Nothammer? Ach so, zum Erschlagen des Leberkässemmerls. Aus Notwehr.) Außerdem hat uns die Ulli Sima förmlich zur Zivilcourage aufgefordert. Was? Die Deos, die sie an die Passagiere verteilt hat, die sollen diese überhaupt nicht auf die Pizza sprühen, von der sie geruchsbelästigt werden, sondern auf sich selbst? Weiß die eh, dass sie nicht nur Öffi-, sondern auch Umweltstadträtin ist? Die sollte die Leute ermutigen, Wasser zu sparen. Jetzt werden sie einen Waschzwang kriegen, einen posttraumatischen. Ein Raumspray wäre netter gewesen.




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Dokument erstellt am 2018-07-19 16:47:06


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