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Update: 25.07.2018, 11:53 Uhr

Sedlaczek am Mittwoch

"Träfe, der Gerichtsdiener ..."




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Von Robert Sedlaczek

  • Sedlaczek am Mittwoch
  • Was für den einen halal ist, ist für den anderen koscher. Die Speisegesetze sind ähnlich. Aber was ist das Gegenteil von koscher?

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.


Ein niederösterreichischer Landesrat der FPÖ ist auf die Idee gekommen, das Schächten von Konsumentenseite her einzuschränken. Nur wer ein registrierter gläubiger Moslem ist, dürfe Fleisch von einem geschächteten Tier kaufen. Da diese Art der Schlachtung auch nach den jüdischen Speisegesetzen vorgeschrieben ist, wäre zwangsläufig eine Registrierung gläubiger Juden erforderlich. Wer nur ein wenig mit der Geschichte Österreichs und Deutschlands vertraut ist, wird erkennen, dass das nicht geht. Halal-Fleisch wird auf vielen Märkten angeboten. Im Islam dürfen nur Tiere gegessen werden, die für den Konsum zulässig sind, regelgerecht geschlachtet wurden und nicht zuvor verendet waren. Mit dem Schächten soll das Ausbluten des Tieres gewährleistet werden. Ganz ähnlich verhält es sich mit koscherem Fleisch im Judentum. Der heutige Umgang von Juden mit den Speisegesetzen ist allerdings unterschiedlich, orthodoxe Juden halten sie strikt ein, säkulare Juden überhaupt nicht. Das hebräische Wort "koscher" hat auch in unseren Sprachgebrauch Eingang gefunden - mit der ursprünglichen Bedeutung, nämlich "einwandfrei, unbedenklich". Meist verwenden wir es negierend: "Das ist mir nicht ganz koscher." Das Gegenteil von "koscher" ist "trefe" oder "treife". Gemeint ist: nicht zum Verzehr geeignetes Fleisch. Etymologisch steht das Wort für von Raubtieren gerissenes Aas. Dies ist eine der Kategorien von Fleisch, die von der Tora explizit als nicht koscher bezeichnet werden.
Wenn ich "trefe" höre, denke ich auch an den legendären Rechtsanwalt Dr. Hugo Sperber, dem Friedrich Torberg in der "Tante Jolesch" ein Denkmal gesetzt hat. Sperber war ein engagierter Sozialdemokrat und ein Anhänger der Schule Alfred Adlers. Als leidenschaftlicher Tarockierer und Tartelspieler pflegte er seine Spielpartner beim Ausspielen einer Karte mit Sprüchen zu amüsieren, die spieltechnisch freilich belanglos waren. Beim Spielen eines Karo-Buben murmelte er "Caróbua, eine brasilianische Heilpflanze", bei einem Zehner "Dahastazena, das indische Volksmärchen" und bei einem Achter "Chabanachta, der phönikische Unterfeldherr". Bei den Recherchen zu meinem Buch "Die Tante Jolesch und ihre Zeit" fand ich in den Archiven einen Briefwechsel aus den 1940er Jahren zwischen Torberg und seinem damaligen Lektor Justinian Frisch. Torberg war in den Vereinigten Staaten im Exil, Frisch in Schweden. In der Zwischenkriegszeit waren beide so wie Sperber Stammgäste im Café Herrenhof gewesen. In einem der Briefe beansprucht Frisch den "Caróbua" für sich. "Von mir ist auch Hastanasi, ein Mönch vom Berge Athos, Zena Beg, der albanische Gesandte in Prag (er hieß wirklich so), Carosima Wagner (Caro Siebener natürlich)." Ein "hundertprozentiger Sperber" ist ein Spruch für das Ausspielen von Treff, also der Farbe Kreuz. In diesem Fall sagte der Rechtsanwalt "Trefe, der Gerichtsdiener" - und legte damit eine falsche Fährte zu hebräisch "trefe". In der Tat zitierte er aus einem gerichtlichen Verordnungsblatt: "Träfe der Gerichtsdiener den Beklagten nicht zu Hause an, so ist ein diesbezügliches Benachrichtigungsformular zu hinterlassen."





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-07-24 15:56:12
Letzte Änderung am 2018-07-25 11:53:09


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