• vom 29.07.2018, 11:00 Uhr

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Ein Lob den Ausschaltknöpfen




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Von Irene Prugger


    Irene Prugger, geboren 1959, lebt als Schriftstellerin und freie Journalistin in Mils in Tirol.

    Irene Prugger, geboren 1959, lebt als Schriftstellerin und freie Journalistin in Mils in Tirol. Irene Prugger, geboren 1959, lebt als Schriftstellerin und freie Journalistin in Mils in Tirol.

    Die Freundesgruppe saß in trauter Runde zusammen, in ihrer Mitte Alexandra, der soeben eine Frage gestellt worden war. Bevor sie antworten konnte, tönte es aus einer Ecke: "Auf diese Frage habe ich leider keine Antwort!" Alexa aus dem Echo-Lautsprecher hatte sich in die Diskussion eingeschaltet. Die Gruppe lachte, bis auf Alexandra, die sich über eine derart fiese Abhöranlage empörte. Das sei keine Abhöranlage, sondern ein Spracherkennungsdienst mit vielen zweckmäßigen Skills, wurde sie aufgeklärt, außerdem könne man das Gerät jederzeit ausschalten. Alexandra blieb bei ihrer Haltung und meinte: "Ausschalten kann man mittlerweile gar nichts mehr!"

    Das kann man schon, man muss nur wissen, wie. Als ich neulich für eine Freundin, die mit Sommergrippe darniederlag, das neue Auto abholen und zu ihr nach Hause überstellen sollte, freute ich mich auf diese Jungfernfahrt. Nach einer kurzen Einschulung, die ich ungeduldig abkürzte, startete ich los. Kaum auf der Straße, sagte jemand: "Guten Tag! Wir gratulieren Ihnen zu Ihrem neuen Auto!" Eine Schrecksekunde lang dachte ich, es sitze jemand auf der Rückbank. Aber es hatte sich bloß das Autoradio eingeschaltet, eine freundliche Frauenstimme redete nun mit mir.

    Als höflicher Mensch ließ ich mich auf das Gespräch ein und stellte die Sachlage klar: "Das ist nicht mein Auto, es gehört meiner Freundin." Darauf ging die Frau nicht ein, sondern zählte mir sämtliche Serviceleistungen auf, die ich vom Autohändler nun erwarten dürfe. Außerdem machte sie mich auf das breite Angebot von nützlichem Autozubehör aufmerksam, von Fußmatten bis zu modischen Felgen. Ein Lob den Ausschaltknöpfen, leider gibt es solche tatsächlich kaum noch.

    Mein wiederholtes Tippen auf die Anzeigenfläche des Radios blieb folgenlos. Als die Stimme mich auf einen Stau aufmerksam machte, versöhnte mich das ein wenig, aber nach Ende der Fahrt war ich genervt. "Und? Wie ist es, das neue Auto?", fragte mich meine Freundin gespannt. "Ziemlich redselig", antwortete ich.

    Die Kommunikation mit anthropomorphisierten Maschinen ist nicht einfach, vor allem, wenn man nicht wirklich weiß, ob es sich um solche handelt. Kürzlich sprach ich mit einem Versicherungsbeamten, von dem ich mir grundlegende Auskünfte erhoffte. Das Gespräch war schwierig. Wir redeten ständig aneinander vorbei. Auf meine differenziert gestellten Fragen gab er stets die gleiche Antwort, bloß geringfügig umformuliert.

    Wenn er kurz von seinen Papieren aufsah, schaute er an mir vorbei. Als er mich noch dazu mit falschem Namen ansprach, wurde ich stutzig. Ich sah mir den Beamten genauer an: womöglich ein schlecht programmierter Roboter? Almost human? Oder doch ein richtiger Mensch, der an diesem Tag nur ein wenig durch den Wind war?

    Die menschliche Attitüde der Roboter wirkt auf uns befremdend, aber wirklich unheimlich wird es erst, wenn man einen richtigen Menschen plötzlich für eine Maschine hält.





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    Dokumenten Information
    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2018-07-26 16:23:10
    Letzte Änderung am 2018-07-26 16:39:46


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