• vom 01.08.2018, 16:37 Uhr

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Update: 01.08.2018, 17:35 Uhr

Maschinenraum

Blechdose an Steckdose




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Von Walter Gröbchen

  • Reinrassige Elektroautos erscheinen Kunden oft dubios. Was aber, wenn Verbrennungsmotoren doch rascher zu Auslaufmodellen werden?



Erstaunlich: Der Volkswagen-Konzern, das Prachtstück der deutschen Automobilindustrie, ist in der tiefsten Krise seiner Geschichte. Und zugleich fährt er Rekordergebnisse ein. VW verdoppelte 2017 seinen Gewinn - bei einem weltweiten Umsatz von 230,7 Milliarden Euro - auf annähernd 14 Milliarden Euro. Und hat damit so viel verdient wie noch nie zuvor.

Ob das noch lange so weitergeht? Gute Frage. Nächste Frage. Die Zahlen sprechen dagegen, aber die subjektive Gefühlslage sagt mir, dass der Run auf neue, fette (der SUV-Boom!), meist luxuriös ausgestattete Benzindroschken ein letztes Aufbäumen im Kampf gegen den Maelstrom der Geschichte ist. Man muss kein Öko-Schwarzseher sein - auch wenn das Gehirn solche Gedanken in Tagen der Affenhitze förmlich ausschwitzt -, um die Warnungen der Wissenschaft, dass die Spezies Mensch ihren Heimatplaneten überfordert, zu hören. Die individuellen Schlüsse daraus mögen unterschiedlich ausfallen. Aber ich wage zu prognostizieren, dass wir rascher als eventuell erwartet auf Urlaubsflüge in exotische Destinationen verzichten werden müssen. Und sich spätestens im Hitzesommer 2020 das Delikt "Klimaverbrechen" im Strafgesetzbuch finden lässt. Jetzt kann man natürlich diskutieren, welchen Anteil Verbrennungsmotoren am dräuenden Kollaps haben - aber ich fürchte, eine kühle, rationale Diskussion ist in aufgeheizter Stimmung kaum möglich.


Ist das Auto tot? Das nicht. Aber es riecht - zumal mit Dieselmotor und Harnstoff-Zusatztank - schon verdächtig. Und freilich setzen jetzt alle, VW inklusive (und die mit genug Spielgeld für Forschung und Entwicklung), auf die große Elektromobilitäts-Offensive. Aber noch ist das Konzept nicht ausgereift oder gar sinnreich standardisiert, dutzende Alltags-Fragen sind mehr oder minder nur provisorisch gelöst. Nicht ganz undenkbar - weder in den Chefetagen noch auf Konsumentenseite - ist also eine heftig zwickende perspektivische Schere: der rasante Abstieg alter Denk- und Baumuster (man imaginiere Halden von Golfs, Touaregs, Cayennes und vielen mehr) bei gegenläufigem Anschwellen der Verunsicherung, welcher Fahrzeug-Typus und, ja, welches konkrete Modell denn nun einen praktikablen, wertbeständigen, ökologisch vertretbaren und gesetzeskonformen Zukunfts-Deal ermöglicht. Nun, das sehe ich als Aufgabe eines "Maschinenraum"-Piloten: tunlichst konkrete Hinweise zu geben. Bei Volkswagen bin ich noch nicht recht fündig geworden (wiewohl der e-Golf schon ein guter Ansatz ist und die I.D.-Entwicklungslinie einiges verspricht). Weit vorne sind seit Jahren - es wird Gründe dafür geben - die Asiaten. Konsequenterweise habe ich einen Hyundai Ioniq in der Plug-in-Variante geordert. Es ist das weltweit erste Auto, das es in drei elektrifizierten Varianten gibt: als Hybrid, als reines E-Auto und eben als Version mit Tankdeckel und Steckdosen-Anschluss. Ich gurke damit gerade im Wein- und Waldviertel herum. Und vielleicht baue ich dann im alten Schweinestall im Haus meiner Mutter einen Starkstromanschluss ein. Es gilt die Devise von Alan Kay: "Die Zukunft kann man am besten voraussagen, wenn man sie selbst gestaltet."




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-08-01 16:47:18
Letzte Änderung am 2018-08-01 17:35:45


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