• vom 02.08.2018, 16:52 Uhr

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Update: 02.08.2018, 17:06 Uhr

Mindestsicherung

Es ginge sogar mit 149,66 Euro




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Von Claudia Aigner

  • Ja, auch ich habe diese neue Diät ausprobiert, bei der man ausnahmslos alles essen darf - solange es nicht mehr als 150 Euro im Monat kostet.



Alle hacken jetzt auf der armen Sozialministerin herum. Es ist ja bereits wie in Hitchcocks "Die Vögel". Nur mit Oppositionspolitikern, Experten und Journalisten statt der Vögel. Dabei hat sie die 150 Euro gar nicht selber in den Mund genommen. Die wurden ihr quasi hineingelegt. (Um Bestechung geht’s hier, wohlgemerkt, nicht.) Und ausgerechnet ihr letzter Fan (". . . ich habe irgendwie schön langsam den Eindruck, i bin der einzige Fan, den’s noch gibt, den Sie haben - zumindest im Journalismus") hat ihr das angetan: der Wolfgang Fellner. In seiner Sendung "Fellner! Live" (in Worten: Fellner Rufzeichen live). Im oe24.TV.

Was? Weniger Mindestsicherung? Ach so, für die frisch Zuagrasten. Ja, die sollen ruhig einen kleinen Selbstbehalt zahlen und nicht gleich das volle Minimum kriegen. Hab ich nix dagegen. Selbstbehalte gibt’s schließlich überall. Warum also nicht bei der Mindestsicherung? Und wie hoch kann der schon sein? 20 Prozent? Das müssen die Bezieher halt aus eigener Tasche berappen. (Oder aus dem eigenen Becher. Moment. Zahlt das dann nicht erst recht wieder die Allgemeinheit, die ihr Kleingeld da reinwirft?) Jedenfalls hat die Beate Hartinger-Klein in dem Interview gesagt: "Man wird leben können, aber unser Ziel ist es . . ." - Fellner: "Wenn man von 150 Euro leben kann, dann ja." - Hartinger-Klein: "Ja, wenn man die Wohnung auch noch bekommt, also dann sicher." (Bekommt? Hat die grad jedem Flüchtling eine Eigentumswohnung versprochen?) Und seither werden fleißig Hardcore-Selbstversuche gemacht: Wie überlebe ich mit fünf Euro am Tag (respektive mit 4,84 Euro, wenn der Monat 31 Tage hat)? Die Donauinsel ist voller Survival-Camps, und alle fragen sich: Ist vor der österreichweiten Einführung eine 150er-Testzone geplant?


Auch ich war skeptisch. Dann hab ich mir allerdings meine Einkaufszettel vom Juli ein bissl genauer angeschaut. Yes, we can! Es geht! Echt? Ich hab für Lebensmittel nicht mehr als 150 Euro ausgegeben? Na ja, kommt auf die Definition von "Lebensmittel" an. Zählen Topfengolatschen und Gummibärchen ebenfalls dazu? 287,52 Euro waren’s eigentlich. (Na bumsti! Fast das Doppelte!) Aber ich wäre mit den 150 Euro ausgekommen. Locker. (Wenn ich bloß jeden zweiten Tag was gegessen hätte? Oder mit FdH?) Außerdem hab ich sowieso viel zu viel eingekauft. Sonst hätte ich wohl kaum zwei Kilo zugenommen, oder? Am Cola hat’s zwar sicher nicht gelegen ("light", hallo?), trotzdem: 12,95 Euro! Wär nicht nötig gewesen. Hätte ich Leitungswasser trinken können. Was? 72,86 Euro allein für Cocktailtomaten? Hätte ich nicht gebraucht. In den Fertigsalaten wären eh genug Vitamine drin gewesen. Süßigkeiten: 47,28 Euro. Ungesund. Weg damit. Wäre ich bei 154,43 Euro. Noch 4,43 Euro einzusparen. Die Leberkässemmel! (2,18 Euro.) Dieses fettige Zeug. Die Butter! Wäre mir nicht abgegangen. Hätte ich das Blattl Käse eben mit den Fingern auf dem Brot festgehalten. (2,59 Euro.) Endergebnis: 149,66 Euro. Geschafft! War doch wirklich nicht so schwer. (Und mit den restlichen 34 Cent begleiche ich die Handyrechnung und kauf mir einen neuen Kühlschrank.) Abgenommen hätte ich obendrein. He, könnte die nächste Kult-Diät werden. Bei der zählt man keine Kalorien, sondern Euros. Gibt’s die nicht längst? Die heißt DGes. DGes? Den Gürtel enger schnallen.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-08-02 17:02:23
Letzte Änderung am 2018-08-02 17:06:12


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