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Update: 08.08.2018, 13:14 Uhr

Sedlaczek am Mittwoch

Trennen, was zusammengehört




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Von Robert Sedlaczek

  • Sedlaczek am Mittwoch
  • Das Internet will uns auf subtile Weise erziehen, zusammengesetzte Wörter zu trennen. Widerstand ist angebracht und sinnvoll.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.

Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache. Zuletzt ist "Österreichisch für Anfänger" im Verlag Amalthea erschienen, ein heiteres Lexikon, illustriert von Martin Czapka.


Viel wurde bereits darüber geschrieben, wie das Internet unsere Sprache verändert. Forscher beobachten die Entwicklung von Abkürzungen wie lol (lauthalses Lachen) oder omg (oh mein Gott), und sie analysieren Satzfragmente und Wortsplitter wie "später party?". Der Fokus liegt dabei auf Chatten, Bloggen und Twittern.

Mir geht es hier um ein anderes Phänomen, das ich in Umkehr eines Zitats von Willy Brandt so bezeichnen möchte: Trennen, was zusammengehört. Schuld daran sind die Korrekturprogramme, die im Hintergrund fuhrwerken. Unlängst habe ich in einem Mail das Wort "Tarockspieler" geschrieben. Was macht die Autokorrektur daraus? "Tarock Spieler". Um das zu umgehen, muss ich "Tarockspieler" markieren und zu meinem Wörterbuch hinzufügen, erst dann wird die Zusammenschreibung akzeptiert. Sicherlich glaubt das Programm, dass Komposita aufgedröselt werden können, weil dies im Englischen üblich ist. Wir schreiben "Kartenspieler", im Englischen heißt es "card player". Die Mail-Schreibhilfen wurden offensichtlich nach der Logik des Englischen entwickelt und nicht für uns Deutschsprachige adaptiert.


Aber das gilt nicht nur für die Werkzeuge beim Mailen. Ich versuche mit der deutschen Google-Suchmaschine, meine Tarockbücher zu finden, und trage in die Suchmaske genau dieses Wort ein: "Tarockbücher". Als Antwort wird mir vorgeschlagen: "tarot bücher", "tarot bücher und karten". Wobei zwischen Tarot und Tarock zu unterscheiden wäre. Tarot ist die Wahrsagekunst, Tarock ist das Kartenspiel. Im Englischen dient tarot für beides.

Nun könnte jemand sagen, ich hätte den Singular eingeben sollen. Auch das habe ich getan. Die Antwort von Google war: "tarock buch" und
"das große tarockbuch" - immerhin. Aber "Das große Tarockbuch", so
der richtige Titel, ist vergriffen,
"Die Kulturgeschichte des Tarockspiels" und "die Strategie des Tarockspiels" wird erst viel weiter unten angezeigt.

Wenn ich allerdings "tarock buch" in die Suchmaske eingebe, werden sofort alle meine Bücher samt Cover angezeigt. So werden wir also zur Getrenntschreibung - und übrigens auch zur Kleinschreibung - erzogen. Intensive Internetnutzer reagieren mit vorauseilendem Gehorsam. Sie wollen ja rasch finden, was sie suchen. Es liegt also an uns, die Praxis der falschen Getrenntschreibung nur dort zu verwenden, wo es sinnvoll ist, beispielsweise bei der Suche im Internet, und ansonsten die Regeln des Deutschen einzuhalten. Denn das Prinzip, zwei oder noch mehr Wörter aneinanderzureihen und ein Kompositum zu bilden, ist ein Wesensmerkmal der deutschen Sprache.

Der Ausspruch "Es wächst zusammen, was zusammengehört" stammt übrigens wirklich von Willy Brandt, obwohl dies im Internet häufig bestritten wird. Er fiel allerdings nicht bei der großen Kundgebung vor dem Schöneberger Rathaus am Tag nach der Maueröffnung, sondern in einem zuvor geführten Gespräch mit einem Reporter des "Senders Freies Berlin". Brandt fügte den Satz viele Jahre später in ein Buch mit seinen berühmten Reden ein, und als Rechercheure herausfanden, dass das nicht stimmt, wollten sie ihm die Urheberschaft gleich zur Gänze entziehen.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-08-07 16:47:23
Letzte Änderung am 2018-08-08 13:14:25


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