• vom 15.08.2018, 16:29 Uhr

Glossen

Update: 22.08.2018, 11:08 Uhr

Maschinenraum

Funkloch revisited




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Von Walter Gröbchen

  • Maschinenraum
  • Der Datenübertragungsstandard LTE ist in der Gegenwart angekommen.



Was macht man in einer Urlaubsgegend, in der es mit dem Internet hapert? Richtig: man liest. Endlich wieder einmal: bedrucktes Papier. Und, ja, davon habe ich im Haus meiner Mutter im nördlichen Weinviertel, knapp an der Grenze zum Waldviertel, einiges gehortet. Und zwar in solchen Quantitäten, dass ich permanent gezwungen bin, vieles wieder loszuwerden. Die Lagerkapazitäten in einem alten Bauernhof sind, wiewohl im Vergleich zum großstädtischen Domizil gigantisch, auch nicht unbegrenzt. Und meine Mutter nimmt es mir sowieso seit Jahren krumm, dass ich ihr Haus als privates Archiv missbrauche.

Das ist natürlich, aller schrofffen Realitätsnähe zum Trotz, ein romantisierender Einstieg in ein Thema, das eigentlich keines mehr ist. Das Horten von Papier als Ausweis der Belesenheit stirbt mit meiner Generation aus; wenige Ausnahmen bestätigen wohl die Regel. Irgendjemand wird einmal die Tonnen alter Bücher, Zeitungen, Zeitschriften, die mir zum Wegwerfen jahrzehntelang zu schade schienen, gnadenlos entsorgen. Bis dahin bereitet es mir aber einiges Vergnügen, die Mutmaßungen der Vergangenheit über die Zukunft in der Gegenwart zu belächeln.


So fiel mir beim Rumkramen ein Artikel der Medien-Fachzeitschrift "Horizont" - gibt es die noch? - aus dem Jahr 2010 in die Hände. "Ein Augenzwinkern für ein MP3-File" versprach der Beitrag, der sich um den neuen LTE-Standard im Telekommunikationsbereich drehte. Wir erinnern uns: Damals surfte man per Handy, Tablet oder Laptop noch via UMTS, ADSL und HSPA+ mit einer Datenübertragungsrate bis zu 42 Mbit/Sekunde. Die Krux lag immer in diesem Kürzel "bis zu". Die Daten flossen in der Realität meist weit langsamer als in den Werbebotschaften (ich musste lachen, weil neben dem Artikel ein Sujet von "Orange" abgedruckt war - das Unternehmen existiert schon lange nicht mehr). Das war zäh bis zum Abwinken. Und, das können Sie mir glauben: ich habe, beginnend Mitte der neunziger Jahre des vorigen Jahrtausends, alles nur Denkmögliche probiert, um in dieser schönen, aber auch etwas gottverlassenen Gegend zu einem probaten Internet-Anschluss zu kommen. Wer an Thrillern des Alltags aus der Frühzeit der elektronischen Kommunikation interessiert ist, darf taxfrei nach der Wortkombinationen "Funkloch" und "Gröbchen" googlen.

Zurück zum knapp acht Jahre alten Artikel. Da wurde also ein "Klick-Boom-Erlebnis" für die damals brandneue Netztechnologie LTE (Long Term Evolution) in Aussicht gestellt: unglaubliche Rasanz mit Übertragungsraten bis zu 150 Mbit/Sekunde. "Die Nutzung des mobilen Breitbandes wird schneller als das durchschnittliche Breitband werden", verkündete der damalige Chef von T-Mobile Austria.

Und was soll ich sagen: Er hat recht behalten. Das Funkloch existiert nicht mehr. Selbst im nördlichen Weinviertel nicht. Neben mir blinkt eine aktuelle "Homenet Box" von T-Mobile, einfach zu installieren, in der Handhabung deppensicher. Sie lässt sich für ein paar Stunden sogar mit hinaus in den Garten nehmen und funkt vorzüglich. Ich habe keine Geschwindigkeitsmessung vorgenommen, weil sie mir ausreichend erscheint. Alles andere als eine Hiobsbotschaft, auch für den Papiermüllcontainer.




Schlagwörter

Maschinenraum, Glosse, Feuilleton

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-08-15 16:38:39
Letzte Änderung am 2018-08-22 11:08:42


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