• vom 18.08.2018, 11:00 Uhr

Glossen


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Mignons Abschied




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Von Hans-Paul Nosko


    Hans-Paul Nosko, geboren 1957, lebt als Journalist und Glossist in Wien.

    Hans-Paul Nosko, geboren 1957, lebt als Journalist und Glossist in Wien. Hans-Paul Nosko, geboren 1957, lebt als Journalist und Glossist in Wien.

    Wer einmal in die Gegend rund um das Rhône-Delta gekommen ist, kennt das allgegenwärtige Thema dieser Region: den Camargue-Stier. Kleiner und wendiger als sein spanischer Verwandter, ist er auch in den Städten überall präsent. Er wird durch die Straßen getrieben, steht als steinernes Denkmal auf dem Hauptplatz und nimmt vor allem an den Courses Camarguaises teil, den Wettkämpfen, die erfreulich wenig mit der spanischen Corrida zu tun haben.

    Im Tourismusbüro von Tarascon wird mir geraten, mich eine gute halbe Stunde vor Beginn um eine Karte anzustellen. Nicht zu früh, denn die Plätze auf der Schattenseite der Arena sind bald besetzt. Ich komme zwischen zwei freundlichen Damen zu sitzen, die mich mit Regeln und Ablauf vertraut machen: Die Tourneurs treiben den Stier dorthin, wo die Raseteurs versuchen, ihm Fäden, Quasten und andere Verzierungen abzureißen, die er an Hörnern und der Stirn trägt. Dafür gibt es Geld. Nach spätestens einer Viertelstunde kommt der nächste Stier an die Reihe, getötet wird keiner von ihnen.


    Und eines ist sofort klar: Die Stars sind hier die Tiere. Die Zuschauer kennen ihre Lieblinge mit Namen. Jede Aktion von Maquisard, Scipion oder Mignon wird bewertet und mit früheren Auftritten verglichen. Bravourstücke wie ein Hörnerstoß gegen die hölzerne Bande, hinter die ein Raseteur sich geflüchtet hat, werden frenetisch beklatscht. Aus den Lautsprechern gibt es dafür als Belohnung ein paar Takte aus "Carmen".

    Als Mignon sich mitten unter der Vorstellung auf den Boden legt, erklärt mir meine Nachbarin zur Linken: "Das macht er immer, wenn ihm langweilig wird." Er ist der Erfahrenste unter seinen Mitstreitern und kann sich einen derartig abschätzigen Kommentar zum Spielgeschehen leisten.

    Wenig später erklärt der Platzsprecher, dass dies Mignons Abschiedsvorstellung ist. In der Lokalzeitung, die alle Courses der Umgebung so ausführlich wie Fußballmatches beschreibt, wird am nächsten Tag zu lesen sein: "Legt sich in der elften Minute hin und wird beim Abgang für seine Karriere musikalisch ausgezeichnet." Der letzte der sieben Stiere ist Timoko und, wie es einer guten Inszenierung entspricht, ist er der Wildeste. Ein Raseteur, der die rettende Planke nicht mehr überqueren kann, muss sich in höchster Not platt in den Staub werfen, die Hörner des Stiers krachen wenige Zentimeter über ihm ins Holz. Tosender Applaus - und wieder "Carmen".

    Am Abend komme ich in einem Bistrot mit einem älteren Herrn ins Gespräch und frage ihn, welche Zukunft einem Stier nach dem Ende seiner Laufbahn bevorstehe. "Er wird geschlachtet." Seinem Züchter, der ihn für die Wettkämpfe vermietet hat, würde er nur noch Kosten verursachen. "Schmeckt übrigens vorzüglich", sagt mein Tischnachbar und schließt verzückt die Augen. Der Camargue-Stier: zu Lebzeiten gefeiert, nach dem Tode eine Köstlichkeit.




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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2018-08-16 16:11:37
    Letzte Änderung am 2018-08-16 16:15:10


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