• vom 19.08.2018, 11:00 Uhr

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Mehr Kitsch, bitte!




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Von Matthias G. Bernold


    Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien.

    Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien. Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien.

    Vor der "Verkitschung" Wiens warnte jüngst Barbara Coudenhove-Kalergi in einer Kolumne für den "Standard" und begründete diese Wahrnehmung mit Touristenheurigen und Souvenirgeschäfte voller Waren, die "immer gleich und immer gleich scheußlich sind". Ganz vorne in ihrer Liste der Scheußlichkeiten erwähnt die Journalistin als Oldtimer getarnte Elektromobile sowie "Girlanden-geschmückte Fahrrad-Rikschas", die "zu Wiens Alltagsverkehr passen wie die Faust aufs Auge".

    Wie meistens hat die Grande Dame in fast allem Recht. Wenngleich ihre Warnung spät kommt. Die Verkitschung der Stadtzentren droht nicht, sie besteht seit Jahrzehnten. Aber Vorsicht: Nicht alles, was als kitschig herabgesetzt wird, ist es auch.


    Klischee, Verniedlichung und Massenkultur - das sind die Zutaten für "Kitsch". Ticket-Verkäufer in Mozart-Kostümen mit gepuderten Perücken könnte man demnach als "Kitsch" betrachten. Ebenso den entbehrlichen Firlefanz in den Souvenir-Shops. Wohl auch Fiaker-Fahrten. Hier werden Stereotype bedient und verstärkt.

    Blicken wir auf die von Coudenhove-Kalergi als kitschig geschmähten Fahrrad-Rikschas, entsprechen sie diesen Kriterien allerdings nicht. Sind sie klischeehaft? Wohl kaum: Welches Wiener Klischee würde damit erfüllt? Sind sie verniedlichend wie ein Steffel in der Schneekugel? Auch nicht. Dienen sie dem Kommerz? Ja schon, aber welches Service tut das nicht?

    Bleibt die ästhetische Wertung: Coudenhove-Kalergi gefallen Rikschas nicht. Das ist vollkommen legitim. Nur lässt sich über Geschmack bekanntlich nicht oder ewig streiten. Zielführender ist da schon die Debatte über die Effizienz von Verkehrsmitteln. Die können mehr oder weniger Abgase ausstoßen. Lauter oder leiser sein. Gefährlicher oder weniger gefährlich. Rikschas wie Elektromobile bilanzieren hier durchaus positiv.

    Könnte sein, dass Coudenhove-Kalergi Tradition mit schlechten Angewohnheiten verwechselt hat. Das Wiener Stadtbild vermisste hunderte Jahre lang weder Automobile noch Parkplätze. Verkehrsmittel kamen und gingen. Dass wir uns an die Allgegenwart des Blechs gewöhnt haben, bedeutet nicht, dass wir uns nicht wieder an neue Vehikel gewöhnen könnten.

    Insgesamt ist Ästhetik das falsche Kriterium, um die Qualität von Städten zu bewerten: Rekordsommer wie der heurige zeigen auf, woran es wirklich fehlt: an Grünraum! Zugeparkte Flächen ohne einen Baum, wie etwa "Am Hof", die Hitze der Motoren und das angesammelte Blech schaffen eine Atmosphäre wie in einem Kontaktgrill.

    Rikschas tragen immerhin nichts dazu bei, dass es in der Stadt noch unerträglicher wird. Gerne mehr davon! Mit dieser "Verkitschung" im Sinne Coudenhove-Kalergis könnte ich leben.




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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2018-08-16 16:11:44
    Letzte Änderung am 2018-08-16 16:17:51


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