• vom 17.08.2018, 16:00 Uhr

Glossen

Update: 17.08.2018, 16:13 Uhr

Glossenhauer

Der Vergleich macht dich sicher




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Von Severin Groebner

  • Glossenhauer
  • Wir haben in diesem Land vielleicht die größten Experten der Vergleichswissenschaften weltweit. Im Amt und in der Straßenbahn.

Severin Groebner ist Kabarettist und Autor, Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne" und sein aktuelles Programm heißt "Der Abendgang des Unterlands". Spieltermine und weitere Informationen finden Sie unter: www.severin-groebner.de Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/ glossenhauer

Severin Groebner ist Kabarettist und Autor, Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne" und sein aktuelles Programm heißt "Der Abendgang des Unterlands". Spieltermine und weitere Informationen finden Sie unter: www.severin-groebner.de Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/ glossenhauer Severin Groebner ist Kabarettist und Autor, Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne" und sein aktuelles Programm heißt "Der Abendgang des Unterlands". Spieltermine und weitere Informationen finden Sie unter: www.severin-groebner.de Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/ glossenhauer

Einer der großartigsten Aspekte des Kapitalismus ist es ja, alles mit allem vergleichbar zu machen. Und zwar durch Geld. Wenn etwas viel Geld kostet, ist es grundsätzlich mehr wert als etwas, das wenig kostet. Wie sehr das stimmt, lässt sich täglich an den Börsen dieser Welt beobachten. Oder am Kursverlauf des Bitcoin. Oder der türkischen Lira. Oder anders gesagt: Selbstverständlich ist ein mit Diamanten besetztes Collier mehr wert als - sagen wir mal - ein saftiger Apfel.

Und wenn man durch die Wüste irren sollte ohne Wasser und ohne Orientierung, vor lauter Hitze schon Halluzinationen hat, und dann kommt jemand, der einem ein Diamanten-Collier schenkt, sagt man sich sicher: Gottseidank ist das kein saftiger Apfel.

Wie sehr dieses Klassifizierungsdenken auch schon in die Bürokratie eingezogen ist, zeigt der Bescheid des Bundesamtes für Fremdenwesen und Asyl (BFA). Dort kennt man sich nämlich aus. Zumindest im Feld der Homosexualität. Im BFA weiß man, wie sich ein richtiger Schwuler zu benehmen hat. Zumindest wie er sich definitiv nicht zu benehmen hat. "Ein Aggressionspotenzial ist bei Ihnen also vorhanden, das bei einem Homosexuellen nicht zu erwarten wäre", urteilte etwa der Oberrevident C. über einen Antragsteller. Und weiter: "Weder Ihr Gang, Ihr Gehabe oder Ihre Bekleidung haben auch nur annähernd darauf hingedeutet, dass Sie homosexuell sein könnten."

Insofern, werte homophobe Mitmenschen: Sollten Sie den Verdacht haben, Ihr Nachbar, Sohn oder Kollege könnte schwul sein, dann rufen sie einfach im BFA und verlangen diesen Oberrevidenten (hat sich diese Berufsbezeichnung eigentlich Johann Nestroy ausgedacht?). Der erkennt die sexuelle Ausrichtung eines Menschen auf den ersten Blick. Ob er auch durch Handauflegen, Auspendeln und am Geruch der Füße das Sternzeichen, den Kontostand und die Anzahl der Geschwister ermitteln kann, ist noch nicht klar. Aber immerhin hat diese oberrevidierende Expertise die Republik Österreich in so ziemlich jedes deutsche Medium gebracht, womit unserem Land ein Stockerlplatz in der europäischen Rangliste "kleiner Länder mit Intoleranz-Toleranz" sicher ist.

Aber es gibt ja Gottseidank auch andere Rankings, Listen und Bewertungstabellen. Die schöne Bundeshauptstadt Wien wurde gerade zur "lebenswertesten Stadt" der Welt gekürt. Nein, nicht von der Vereinigung homosexueller Asylwerber, dafür von der Zeitung "Economist".

Und das hat natürlich enorme Aussagekraft. Das wurde Ihrem Glossenhauer klar, als er gestern folgendes Gespräch zwischen zwei Herren in der Straßenbahn belauschen durfte:

Herr #1: "Hast scho gheat?"

Herr #2: "Wos?"

Herr #1: "Wien ist endlich wieder die lebenswerteste Stadt der Welt."

Herr #2: "Na servas. So a Schas!"

Herr #1: "Wos is? Gfreist Di net?"

Herr #2: "Warum soitat i?"

Herr #1: "Na, weil Wien die lebenswerteste Stadt ist. Von da Wöd! Der ganzen Welt, bitte!"

Herr #2: "Geh bitte, denk amoi noch! Wann ausgerechnet mia da de Leiwandsten sein soin, dann muass da Rest von da Wöd scho ganz schee im Oasch sei."





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-08-17 15:05:37
Letzte Änderung am 2018-08-17 16:13:17


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