• vom 22.08.2018, 16:27 Uhr

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Update: 23.08.2018, 14:26 Uhr

Maschinenraum

Allein auf der Waldstraße




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Von Walter Gröbchen

  • Maschinenraum
  • Der Trend zu SUVs hält, allen Umweltbedenken zum Trotz, an. Fahren wir möglichst bequem in den Abgrund?



Immer noch Sommer. Immer noch Gluthitze. Immer noch Urlaub (zumindest partiell). Nicht die schlechteste Kombination. Zumal ich nahe meinem Urlaubsdomizil im niederösterreichischen Weinviertel Zugang zu einem idyllischen kleinen See habe.

Um zu diesem Paradies zu gelangen, muss man für ein paar Wochen eine Ausweichroute nehmen. Der Grund dafür ist die Sanierung der Hauptstraße. Die Umleitungsstrecke ist aber schöner zu befahren als die ursprüngliche Route, führt sie doch kilometerlang mitten durch dichten Wald. Nun habe ich unglücklicherweise den Schlüssel meines Cabrios im See versenkt (ja, ich hatte ihn in der Badehose vergessen, nennen Sie mich ruhig einen Dummkopf!) und harre des Anrufs der Werkstatt, dass der Ersatzschlüssel bald fertig ist. Als "Zwischenlösung" fahre ich, der Firma Denzel sei’s gedankt, einen Mitsubishi Eclipse Cross 1,5 TC CVT 4WD Intense +F Edition (wer denkt sich solche Fahrzeugnamen aus?). Das ist ein Mittelklasse-SUV, wie er im Buch steht. Allrad. Mit einer "Super All Wheel Control" getauften Kupplung, die die Kraft nach Bedarf individuell auf alle vier Räder verteilt. Kann man in dieser Gegend durchaus brauchen, erst recht im Winter (an den ich im Moment keinen Gedanken verschwende).


So motorisiert, schwebte ich gestern nach Sonnenuntergang durch den Wald Richtung Mitterretzbach. Und plötzlich schien ich eins mit diesem nicht gerade unauffälligen Trumm Fahrzeug. Man sitzt hier, thronartig erhöht wie bei jedem SUV, in einer abgekapselten Raumfähre, lauscht den Klängen von Ö1, wechselt selten, aber doch von Fern- auf Abblendlicht (es kommen einem auf dieser Route kaum je Autos entgegen, eher schon Traktoren oder Radfahrer) und sinniert so vor sich hin. Oh, ja: Das einsame, hoch konzentrierte In-sich-Hineinhorchen ist eine der Hauptattraktionen des Individualverkehrs. Erst recht in verkehrsarmen Gebieten. Ich gratuliere Mitsubishi: Der Eclipse Cross hat ein angenehm weiches Gestühl, eine gute Federung und Straßenlage, eine ausreichende Motorisierung und, ja, im Vergleich zu meinem alten Cabrio unglaublich effiziente Scheinwerfer. In Sachen Leuchtkraft hat sich in den letzten Jahren einiges getan; ich kann hoffen, jedes aus dem Wald springende Reh rechtzeitig zu erblicken (aber hier die Geschwindigkeit zu drosseln ist ein Imperativ der Naturliebe).

Und doch habe ich, schalte ich meine Bequemlichkeit ab und meinen Instinkt zu, kein gutes Gefühl. Denn hier, in einer wirklich abgelegenen Gegend, ist der Eclipse Cross ein probates, durchaus argumentierbares Fahrzeug. Wie sieht es aber aus, wenn ich ihn vorwiegend in der Stadt einsetze? Ist dieses Vehikel bei näherer Betrachtung nicht einfach zu voluminös, zu sehr mit Elektronik und Luxus vollgestopft, zu schwer? Geht’s nicht generell auch anders?

Und dann stoße ich, wie zufällig, auf einen ORF.at-Beitrag, der die Umwelthistorikerin Verena Winiwarter von der Wiener Universität für Bodenkultur zitiert. Sie sieht uns - alle! - in einem "Locked In"-Syndrom gefangen, hervorgerufen durch die illusionären Versprechungen der Automobilindustrie (deren Bestseller SUVs sind). "Du kannst endlich wieder alleine sein, hinaus in die Welt und damit näher an die Natur kommen." Versprochen: Ich werde auf der Waldstraße darüber nachsinnen.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-08-22 16:35:49
Letzte Änderung am 2018-08-23 14:26:45


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