• vom 26.08.2018, 11:00 Uhr

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Update: 29.08.2018, 11:05 Uhr

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Umgeben von Jobneulingen




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Von Irene Prugger


    Irene Prugger, geboren 1959, lebt als Schriftstellerin und freie Journalistin in Mils in Tirol.

    Irene Prugger, geboren 1959, lebt als Schriftstellerin und freie Journalistin in Mils in Tirol. Irene Prugger, geboren 1959, lebt als Schriftstellerin und freie Journalistin in Mils in Tirol.

    Auf der Interrail-Tour mitten in der Nacht in einem französischen Provinzbahnhof gestrandet. Die Lokale sind geschlossen, kein Mensch weit und breit, auf den Anzeigetafeln gähnt beunruhigende Leere. Dabei müsste in zwanzig Minuten ein TGV hier abfahren. Warum wird das nicht angezeigt? Stimmt mein Fahrplan nicht? Ist der Zug schon fort? Wenn das so wäre, dann gute Nacht!

    Endlich Licht am Ende des Tunnels: Ein Schalter in der Halle hat noch geöffnet und ist mit einer freundlich lächelnden Dame besetzt. Ich erkundige mich nach dem TGV und ob ich hier noch schnell die Reservierung tätigen könne. English? Leider nein. Mein Französisch ist schlecht, aber immerhin verstehe ich, was die Frau mir entschuldigend erklärt: dass sie selber nicht so genau Bescheid wisse, weil sie heute den ersten Tag hier arbeitet. Den ersten Tag und dann gleich Nachtschicht ohne beratende Assistenz? Weil hier nachts ohnedies nicht viel los ist?

    Nervös insistiere ich auf einer Auskunft, aber als ich das Wort "TGV" zum wiederholten Mal ausspreche, hört es sich an wie "Déjà-vu". Wie oft habe ich in letzter Zeit eine fachlich unzulängliche Auskunft erhalten, egal, ob ich mich in einem Gasthaus nach der Herkunft des Fleisches erkundigt habe oder in einem Museum nach einer speziellen Abteilung. Und so folgte auf das ratlose Achselzucken nicht selten der Satz: "Ich arbeite den ersten Tag hier!" Man will einem Jobneuling den Start nicht mit Ungeduld und Strenge vermiesen, deshalb lässt man in so einem Fall Nachsicht walten.

    Genau das lässt mich Methode dahinter vermuten. Der Bewertungsgesellschaft, die mit Sternchen, nach unten gedrehten Daumen und Postings vernichtend um sich wirft, muss etwas entgegengesetzt werden, damit die Urteile im Kundenverkehr milder ausfallen: Zum Beispiel der untertänig vorgebrachte Satz: "Ich arbeite den ersten Tag hier!" Und das vielleicht schon monatelang.

    Meine französische Nichtauskunftsperson schaut immerhin im Fahrplan nach. Es ist derselbe, den ich in der Tasche habe. Im Internet steht auch nichts anderes. Mir kommt vor, die Frau ist froh, dass ich da bin, mir allerdings wäre eine kompetente Beraterin lieber. Zumindest eröffnet sich in der Diskussion, dass das hier ein Kopfbahnhof ist und der Zug eigentlich schon da sein müsste. Jetzt gehen wir beide ihn suchen. Ein TGV ist ja nicht leicht zu übersehen. Aber so klein, wie ich zuerst dachte, ist der Bahnhof auch wieder nicht.

    Das zeitweilige Zögern der Frau vermittelt mir, dass sie sich mit der Bahnhofsstruktur noch nicht richtig bekannt gemacht hat. Sie setzt offensichtlich auf Learning by doing - vielleicht nicht ganz freiwillig. Frag einfach die Fahrgäste, wenn du etwas wissen willst, die wissen schon Bescheid, wird ihr die Obrigkeit gesagt haben. Das kommt uns billiger als doppelte Nachtdienste zu bezahlen.

    Kurz vor der Abfahrt sitze ich erschöpft, aber erleichtert im TGV und hoffe, dass zumindest der Zugführer kein Jobneuling ist.





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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2018-08-23 14:50:41
    Letzte Änderung am 2018-08-29 11:05:44


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