• vom 25.08.2018, 11:00 Uhr

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Fressfeinde gesucht




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Von Stefanie Holzer


    Stefanie Holzer, geboren 1961, lebt als Schriftstellerin in Innsbruck.

    Stefanie Holzer, geboren 1961, lebt als Schriftstellerin in Innsbruck.

    Seit zwei Jahren lese ich auf Gartenseiten vom Buchsbaumzünsler, der draußen in der Welt und drunten im Tal jeglichen Buchs bedroht. Ohne mir darüber Gedanken zu machen, hatte ich, wie damals bei der Spanischen Wegschnecke, angenommen, dass wir hier heroben im Wald von dieser Plage verschont bleiben würden.

    Vor vierzehn Tagen war er dann aber da, und Buchsblätter waren einseitig ihres Blattgrüns beraubt worden. Ich erspähte eine grün-schwarz-gestreifte Raupe, die genauso aussah wie jene auf den Bildern, die ich im Internet unter dem Stichwort "Buchsbaumzünsler" gefunden hatte. Also kratzte ich sie herunter und bot sie einer vorbeispazierenden Henne zum Naschen an. Die meisten meiner ansonsten nicht wählerischen Damen lehnten diesen unbekannten Snack ab. Unsere weiße, grüne (!) Eier legende Henne nahm sie allerdings gerne: Sie verspeiste eine Raupe nach der anderen.


    Als dann genau diese Henne vor ein paar Tagen schon früh im Stall saß und sich nicht um die Hirse kümmerte, die ich gestreut hatte, fürchtete ich, sie hätte vielleicht eine Überdosis Buchsgift abbekommen. Da in Deutschland schon Meisen und Spatzen bei der Zünslerjause beobachtet wurden, machte ich mir keine allzu großen Sorgen. Und tatsächlich war die Henne nach einem Tag wieder die alte.

    Bei einem Besuch im Alpenvorland sah ich auf etwa einem Kilometer Länge vom Einfamilienhaus meines Bruders am Ortsrand bis in das Zentrum der 5000-Einwohner-Gemeinde Andorf leidenden und sterbenden Buchs in allen Stadien. Am Abend sammelten sich zahlreiche Falter um die Lampen auf der Terrasse. Stundenlang saßen sie still und zeigten schöne weiße Flügel mit braun schimmernden Rändern. Sie flogen nur auf, wenn sich ihnen jemand in unlauterer Absicht näherte.

    Es dauert wohl stets eine Weile, bis sich in der heimischen Fauna herumspricht, dass der Speisezettel bereichert worden ist. Bei der spanischen Wegschnecke war das auch so: Jahrelang sah es so aus, als ob sie uns Gärtner besiegen würde. Gerade als mein Kampfgeist zu erlahmen begann, fingen meine Hühner an, die Schneckeneier aus dem Boden zu kratzen.

    Zuerst war es nur eine einzige Henne, die im Frühling Wegschneckenkinder vertilgte. Mittlerweile tun es ihr so viele Hühner gleich, dass ich auch nach einem Gewitter ohne Schneckenberührung barfuß über die Wiese gehen kann. Und vor einem Monat habe ich den Hauptfeind der Wegschnecke, den Tigerschnegel, im Garten angetroffen. Der Schnegel frisst nicht nur Schneckeneier, sondern attackiert auch erwachsene Wegschneckenmonster. Wenn meine Hühner Unterstützung durch ein paar Meisen aus Deutschland fänden, dann wäre auch das Siechtum des Buchses rasch beendet.




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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2018-08-23 14:50:49
    Letzte Änderung am 2018-08-23 15:18:55


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