• vom 23.08.2018, 16:09 Uhr

Glossen


Massentourismus

Eine Citymaut ja, aber für die Fußgänger




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Von Claudia Aigner

  • Kunstsinnig
  • Es sind ja Fußgänger. Die sollen gehen. Nicht im Stau stehen. (Wäre es da nicht gescheiter, Zählkarten an die Innenstadt-Besucher auszugeben?)



Schön langsam fühlt man sich hier überhaupt nimmer zu Hause. In der eigenen Stadt. (Wer ist "man"? Na ja, ich zum Beispiel.) Wegen der vielen Ausländer. Und wohnen tu ich auch noch neben so einer Unterkunft für Flüchtlinge. Für Alltagsflüchtlinge. Quartalsmigranten. Denen war daheim einfach fad, den Deutschen, Amis, Italienern, Spaniern, Chinesen . . . (Hm. Für die Einheimischen wird der Wohnraum immer knapper und daneben stehen in Wien ein paar hundert Hotels herum. Mit zigtausend Betten für wildfremde Leute, die uns nichts angehen. Pervers.)

Der erste Bezirk ist sowieso längst eine Stop-and-go-Hölle. Für die Fußgänger. He, da könnten sie gleich mit dem Auto fahren. Drum hab ich nun schweren Herzens beschlossen, selber meine Heimat zu verlassen. Für eine Woche. Vor den Ausländern zu flüchten. Ins Ausland. Amsterdam, vielleicht. (Die nassen Grachten, die inzwischen getrockneten Rembrandts . . .) Lieber doch nicht. Die Holländer sind mir nämlich zu fremdenfeindlich. Die haben offenbar was gegen - Touristen. (Ja, ja, zuerst den Leuten was zum Kiffen geben und so liberal tun, und sich nachher über jeden Scha-, jede Blähung aufregen.) Grad erst ist in der Zeitung gestanden: "Amsterdam-Touristen, die in der Öffentlichkeit rülpsen oder sich beim Husten nicht die Hand vor den Mund halten, werden umgehend in ihre Herkunftsländer abgeschoben." Das hab ich natürlich erfunden. Die folgenden Strafen allerdings nicht. Sich draußen ansaufen: 95 Euro. Grölen, Wildpinkeln und Müll "verlieren": 140 Euro. Und was kostet es, wenn ich nur laut singe und die leere Bierdose nicht auf den Boden werfe, und aufs Klo geh ich später im Hotel? 46,67 Euro? Nein, trotzdem 140 Euro. Plus 95 Euro für den Bierkonsum.


Also, in eine Stadt, in der ich mich bloß noch zu flüstern traue, fliege ich bestimmt nicht freiwillig. Außerdem sind sie dort anscheinend auch schon überall, die Ausländer. Zum Glück hab ich den Schlepper noch nicht bezahlt. (Die Fluglinie.) Einstweilen brauchen wir bei uns jedenfalls noch keine Sittenwächter für Touristen. Keine Alien-Sheriffs. Aber wenn das so weitergeht mit den Nächtigungsrekorden, ist Wien bald Amsterdam. Und mit einer lärmend und urinierend durch die Straßen ziehenden Horde von Alkoholikern, die eine Spur der Verwüstung und Unhygiene hinterlässt, war’s das dann endgültig mit dem Weltkulturerbe. Und wie kann die Maria Vassilakou, Stadträtin für Verkehr und mehr, das in letzter Sekunde noch verhindern? Mit einer Citymaut für Fußgänger innerhalb der Ringstraße? Zählkarten? Die Anti-Terror-Poller zu Anti-Massentourismus-Drehkreuzen umrüsten und rund um die beliebtesten Sehenswürdigkeiten tourismusberuhigte Zonen einrichten? Eine nächtliche Ausgangssperre für Hotelgäste könnte freilich gegen die Genfer Flüchtlingskonvention verstoßen.

Keiner will sie wirklich haben. Es sind halt mittlerweile echt zu viele. (Aber dafür kann doch der Einzelne nix, der verreist.) Zuerst dürfen die Kreuzfahrtschiffe nimmer in Venedig anlegen und am Ende wird man in ganz Europa keine Ferienflieger mehr landen lassen, solange sich keine anderen EU-Länder bereit erklären, die Urlauber aufzunehmen. Wahrscheinlich wird man sogar drohen müssen, den Flug nach Libyen umzuleiten, bis endlich wer aufzeigt. Jetzt krieg ich direkt Flugangst.




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Dokument erstellt am 2018-08-23 16:17:49


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