• vom 01.09.2018, 11:00 Uhr

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Gastronomie heute




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Von Andreas Rauschal


    Andreas Rauschal, geboren 1984, ist Redakteur im "extra" der Wiener Zeitung.

    Andreas Rauschal, geboren 1984, ist Redakteur im "extra" der Wiener Zeitung. Andreas Rauschal, geboren 1984, ist Redakteur im "extra" der Wiener Zeitung.

    In den 80er und 90er Jahren war der Burger in der Wirtshausszene de facto nicht existent. Vor allem am Land befand sich gelegentlich zwar ein "Burger" auf der Speisekarte, der aber bestand aus einer altbackenen Semmel, die sich als Mordwaffe gut geeignet hätte. Man hätte damit zum Beispiel den Wirt erschlagen können, wäre der nicht so furchteinflößend gewesen.

    Land-Wirte waren damals oft grantige alte Männer, die lieber schon in Pension gewesen wären, was aber die Brut nicht zuließ, die die Wirtschaft nicht übernehmen wollte. Gfraster! Einmal, so erzählt man sich, zog ein Wirt auf die Frage "Hamse ’ne Eiskarte?" schnaubend ab, riss die Schöller-Werbetafel aus seinem Garten und knallte den Holzpflock samt Erdreich auf den Tisch. SCHNAUB!! Ob jemals ein Eis serviert wurde, ist nicht bekannt.

    Zwischen der Semmel jedenfalls fand man ein klassisch österreichisch nach altem Panierfett riechendes Fleischlaberl mit Bröselüberzug und eventuell ein letschertes Salatblatt mit etwas Zwiebeln. Unerlässlich dazu auch Glycidamid- und Acrylamid-Pommes-frites aus der Gefriertruhe und der Fritteuse und ein Mayonnaise-Ketchup-Amalgam, mit dem man sich erst rückwirkend versöhnte, weil die Farbgebung stark an Cy Twombly erinnert.

    Zum "Burger" gab es Bier aus der nahe liegenden Großbrauerei oder, wenn man denn unbedingt zu jung dafür sein musste, sich also im Volksschulalter befand (danach bist du nicht mehr zu jung!), ein Kracherl. Das wurde aber in einem Bierglas serviert. Wozu auch andere Gläsersorten einkaufen, außer es will einer Spritzwein oder Schnaps? Was, bitte, ist "Kaffee"??

    Heute ist in Wien jedes gefühlte zweite Lokal in Bobotown eine Burgerbude. Inmitten eines Buns aus - selbstverständlich! - hausgemachtem Brioche bettet pures hochqualitatives Biorindfleisch aus Argentinien auf zartschmelzendem Cheddar aus Irland. Aufgepeppt wird das Ganze mit den Jalapeños einer nachhaltigen Kooperative aus Veracruz und karamellisierten Waldviertel-Charlotten der Sorte "Cuvée Horn".

    Es gibt echte Speisekarten auf Klappbrett, ungefähr zwei Seiten mit Craft-Beer-Auswahl und Kräuter-Limetten-Ingwer-Limonade mit Cranberries in einem Gefäß, das niemals ein echtes Glas sein darf und höchstwahrscheinlich ein Vorleben als Honigtopf hatte. Die Kellner sind alle sehr jung. Sie tragen lange Bärte und Birkenstocks und studieren im Hauptberuf etwas mit Kultur oder Gender. Gerne sind sie auch freundlich oder in ihrer Supercoolness zumindest immer noch weniger arrogant als der klassische Kaffeehaus-Pinguin ("Moment, bitte!").

    Am Ende bekommen wir dafür die Rechnung präsentiert. Hey! Eigentlich waren der alte Grantscherm und seine "Burger" eh sehr in Ordnung.





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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2018-08-24 13:44:42
    Letzte Änderung am 2018-08-24 13:47:52


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