• vom 29.08.2018, 15:45 Uhr

Glossen

Update: 31.08.2018, 15:20 Uhr

Groebchen

UFO-Alarm in Wien-Neubau




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Von Walter Gröbchen

  • Maschinenraum
  • Schon einmal einem undefinierbaren Fortbewegungs-Objekt begegnet? Ihr Biotop: der Graubereich der Straßenverkehrsordnung.



Daran, dass der Straßenverkehr nicht mehr so funktioniert wie zu jenen Zeiten, als ich den Führerschein erwarb (tief in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts), habe ich mich gewöhnt. Es bleibt einem auch gar nichts anderes übrig. Wer z.B. in den wilden Schluchten von Wien-Favoriten oder, verschärft, in den beschaulichen Gässchen des Bobo-Bezirks Neubau unterwegs ist, sollte tunlichst alle sieben Sinne schärfen. Es tut übrigens wenig zur Sache, ob man mit einem Auto, auf einem Motorroller oder Fahrrad oder gar zu Fuß unterwegs ist - die Welt ist streckenweise zu einer einzigen Begegnungszone geworden, der man lieber nicht begegnen möchte.

Ich weiß schon: Schrittempo, wechselseitige Rücksichtnahme, vorausschauendes und defensives Gleiten, freundliche Gelassenheit sind Gebote im Verkehrsalltag (die Verbote beginne ich erst gar nicht aufzuzählen). Aber sagen Sie das doch bitte all den Irren, die - zwanghaft aufs Smartphone starrend, mit Kopfhörern vorsätzlich umwelttaub, krampfhaft verschanzt hinter dunklen SUV-Scheiben - unterwegs sind.


Insofern darf man sich weder als Autofahrer wundern, dass einem Radfahrer in viel zu engen Gassen schlingernd und ohne Beleuchtung entgegenkommen, noch vice versa als Velozipedist, dass Touristengruppen ungeniert den Radweg blockieren oder gedankenverlorene KfZ-Lenker ohne Blick in den Spiegel die Fahrzeugtür öffnen. Blinken oder Handzeichen geben ist generell aus der Mode gekommen; Zyniker hoffen auf die Künstliche Intelligenz selbstfahrender Vehikel der nächsten Generation.

Für Fußgänger wird’s dito progressiv wuseliger. Denn ein neues Phänomen macht vor dem Gehsteig nicht Halt, im Gegenteil: jenes der undefinierbaren Fortbewegungsmittel. Objekte, die akuten UFO-Alarm auszulösen geeignet sind, heißen etwa: Elektroscooter, Roller, E-Boards, Segways, Gyro-Einräder, Hoverboards, Kickscooter (oder so ähnlich). Manche ähneln Kinderspielzeug. Andere futuristischen Gadgets. Aber sie werden von Jugendlichen und Erwachsenen genutzt - und wie! Diese flottforschen Gefährte samt ihrem menschlichem Bedienpersonal & Transportgut begegnen einem in manchen urbanen Ecken so oft, dass man, Ernst Jandl schau owa!, rinks und lechts verwechserln könnte. Es surrt, es blinkt, es zischt. Vorbei. Aber hallo! Einige der "Made in China"-UFOs kratzen, rein subjektiv, hart an der Lichtgeschwindigkeit.

Dürfen die das? Gute Frage. "Die legalen Einsatzmöglichkeiten sind extrem überschaubar", meint ein Jurist. Aber es schert sich kaum jemand drum. Gesetzgeber und Exekutive hinken der Entwicklung hinterher. Immerhin: in Schweden, Dänemark und Finnland hat man unlängst eine neue Kategorie an Verkehrsmitteln klassifiziert. Sogenannte PLEVs, Personal Light Electriv Vehicles. Sie dürfen, wie E-Bikes, bis zu 25 km/h schnell sein, müssen aber keine Ähnlichkeit mit einem Fahrrad aufweisen.

Was, nebstbei, neue Fragen aufwirft: Kennen wir nicht alle E-Bikes, die weit mehr hergeben? Und wie tun sich eigentlich "normale", konservative, verschwitzte Pedalritter mit ihren explosiv beschleunigten Artverwandten? Und all den UFOs? Wie immer auch: es wird absehbar eng auf der Überholspur.




Schlagwörter

Groebchen, Glosse, Feuilleton

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-08-29 15:53:50
Letzte Änderung am 2018-08-31 15:20:52


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