• vom 30.08.2018, 16:53 Uhr

Glossen


Tourismus

Touristen sind Superhelden




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Von Claudia Aigner

  • Kunstsinnig
  • Ja, sie sind laut, verstopfen die Innenstadt und belästigen die Bevölkerung (fragen nach dem Weg). Aber sie retten täglich Dutzende Pferdln.



Endlich kriegen sie also ihr Denkmal. War aber auch Zeit. Wieso hat man so lange damit gewartet, sie zu ehren, die wichtigste Personengruppe in dieser Stadt? Gut, jetzt wird es ja aufgestellt, das Monument. In bester Lage. Mitten auf dem Stephansplatz.

Das "Denkmal des unbekannten Touristen", von Gottfried Kumpf gestaltet, der bereits diverse andere Exoten in Bronze gegossen hat (Panzernashorn, Orang-Utan, Froschkönig - für den Tiergarten Schönbrunn), das soll tatsächlich einen Urlauber zeigen (mit Selfiestick vorm Steffl), den keiner kennt. Keiner von den Einheimischen halt. Außerdem macht er ein Allerweltsgesicht (grinst sein Handy an), um keine Ethnie zu diskriminieren. Wahrscheinlich wird sich sogar ein neuer Brauch etablieren, zu Beginn der Hauptsaison, der für ein kräftiges Nächtigungsplus sorgen wird: die symbolische Steinigung des unbekannten Touristen mit Mozartkugeln durch den wütenden Mob der Innenstadtbewohner.


Ätsch, reingelegt! Es sollte freilich wahr sein. (Bis auf das mit dem Steinigen. Das ist echt nicht nett.) Und der Bürgermeister sollte sich aus einer Reisegruppe wen rausfangen, irgendeinen Japaner, und dem den Goldenen Rathausmann überreichen. Und wo woa sei Leistung? (Die vom Japaner.) Na ja, ein paar Pferde hat er gerettet. Vor der Arbeitslosigkeit. Die hätten sich dann umschulen lassen müssen. Zum Leberkäse. Oder glaubt irgendwer, die Fiaker gäbe es noch ohne Touristen? Welcher vernünftige Mensch würde in ein Fahrzeug mit nur 2PS einsteigen, das noch dazu laufend auf den Boden kackt und keine Klimaanlage hat? Okay, Pferdln können neuerdings Inspektor werden. Die Lipizzaner allerdings nicht. Die haben die falsche Farbe. Der Innenminister will bloß braune und schwarze. Das heißt also: Leberkäse. (Schon einmal was von Haarkolorationen mit bis zu 100 Prozent Grauabdeckung gehört?) Und das Riesenrad: 2,7 km/h! Fährt doch keiner ein zweites Mal damit. Irgendwann fängt man an zu quengeln: "Wann simma denn da? Ich muss lulu." Kämen nicht dauernd neue Fahrgäste nach, die im Reiseführer gelesen haben, das müssten sie sich geben, sonst wären sie nicht in Wien gewesen, hätte man es längst gegen was Flotteres austauschen müssen. Wahrzeichen hin oder her. Ich würd’s vermissen. Ehrlich. (Von außen.) Wie das Schloss Schönbrunn. Wenn man das an René Benko verkaufen müsste. Der würde es wohl abreißen und vom Architekten David Chipperfield wiedererrichten lassen. Im Stil von dessen "P & C"-Kaufhaus in der Kärntner Straße. He, und keine Gondeln in Venedig, wenn die ach so schlimmen Touristen dieses ineffiziente Verkehrsmittel nimmer massenhaft nutzen würden. (Als ob Venedig wegen der Touristen untergehen würde. Und nicht, weil sie es zu nah am Wasser gebaut haben. Nämlich auf dem Wasser.) Und Venedig ohne Gondeln, wie schaut denn das aus?!

Diese wildfremden Leute sind jedenfalls der Grund, warum Wien noch wie Wien aussieht. Und riecht. (Authentisch nach Pferdeäpfeln.) Und wie vergelten wir es ihnen? Ausgerechnet der Vorsteher jenes Bezirks (des ersten), der am meisten Pferde zu verlieren hätte, denkt über Umleitungsschilder nach. Will die Touristen über die Donau schicken. (Zum Glück fließt da nicht der Jordan.) Rüber zum Donauturm. Sollen sie Wien doch gefälligst aus der Ferne besichtigen. Ein bissl mehr Dankbarkeit, bitte!




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Dokument erstellt am 2018-08-30 17:02:57


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