• vom 04.09.2018, 16:24 Uhr

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Update: 05.09.2018, 14:44 Uhr

Sedlaczek

"Es bleibt immer a Scherm!"




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Von Robert Sedlaczek

  • Sedlaczek am Mittwoch
  • Sicherlich ist es kein Zufall, dass gerade das Jiddische ein fruchtbarer Boden für Wortspiele und Sprachwitze war.

Robert Sedlaczek istAutor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Alle Beiträge dieserRubrik unter:www.wienerzeitung.at/sedlaczek

Robert Sedlaczek istAutor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Alle Beiträge dieserRubrik unter:www.wienerzeitung.at/sedlaczek Robert Sedlaczek istAutor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Alle Beiträge dieserRubrik unter:www.wienerzeitung.at/sedlaczek

Neulich rief der Ö3-Callboy bei der "Wiener Städtischen" an und fragte, ob er sich Stehtische ausborgen könne. Die nichts ahnende Mitarbeiterin versuchte, dem Anrufer zu erklären, dass eine Versicherung nicht dazu da ist, Stehtische zu vermieten. "Aber Ihre Firma heißt doch ,Wiener Stehtische‘!" - "Ja, ,Wiener Städtische‘!" - "Na bitte: ‚Wiener Stehtische‘. Und Sie haben keine Stehtische?" Es dauerte einige Zeit, bis sich Gernot Kulis als Ö3-Callboy zu erkennen gab und das Opfer in ein gekünsteltes Lachen ausbrach. "Stehtische" und "Städtische" sind ähnlich klingende Wörter, schnell ausgesprochen, ist ein Unterschied kaum zu bemerken.

Derartige Wortspiele waren in den Kabarettprogrammen von Karl Farkas oft zu hören. Er brüstete sich gegenüber der Denkmalfigur des bärtigen Admirals Tegetthoff, dass er alle Teile eines Schiffes nennen könne. Dazu gehöre Bord, "das ist das, was der Kapitän. . ." (Deutet mit einer Geste zur Wange einen Bart an.)


Auf ähnliche Weise drehte sich der Witz manchmal um Wörter mit gleicher Lautform und gleichem Schriftbild. In dem Sketch "Der Knopf" streitet Farkas mit seinem Widerpart darüber, ob das verlorene Stück wertvoll war. "Der Knopf war aus Horn!" - "Ob aus Horn, aus Melk oder aus Krems - das interessiert mich nicht." Hier ein Beispiel mit dem Gegensatz zwischen übertragener und wörtlicher Bedeutung: "Was geschieht, wenn man eines der zehn Gebote bricht?" - "Bleiben noch neun!"

Historisch betrachtet hat Farkas in den Doppelconférencen mit den Wortspielen ein Element aus den Jargonstücken der Zwischenkriegszeit weitergeführt. Wobei deutlich wird, dass das Jiddische ein Nährboden für Wortspiele war. In der Urform des Hebräischen wurden nur die Konsonanten geschrieben, die Vokale waren zu ergänzen. Füllt man ein Wort mit verschiedenen Vokalen aus, entstehen verschiedene Bedeutungen. Die jüdischen Jargonkünstler wendeten dies auch in der deutschen Sprache an. Das Prinzip lässt sich durch folgenden Witz verdeutlichen, der von Marcus G. Patka in dem Ausstellungskatalog "Alle meschugge?" zitiert wurde: "Die schon gebildete Frau sagt zu ihrem Mann: Du musst nicht sagen ,Scherm‘, es heißt doch ,Schirm‘." Seine Antwort: "Ausgerechnet!
Man kann sagen ,Scharm‘, ,Scherm‘, ,Schirm‘, ,Schorm‘, ,Schurm‘ - es bleibt immer a ,Scherm‘."

Die Vorliebe für die Doppelbödigkeit als Material für Witze wird auch als Folge der jüdischen Glaubensschriften gesehen. Neben dem Tanach, der jüdischen Bibel, gibt es den Talmud - er zeigt, wie die Regeln im Alltag von den Rabbinern verstanden wurden - und den Midrasch, eine Auslegung religiöser Texte im rabbinischen Judentum. Nach Ansicht von Judaistik-Forschern hatte vor allem der Midrasch einen Einfluss auf die Entwicklung von Wortspielen. Bei dieser Form der Bibelauslegung suchen die Exegeten nach gleichklingenden Wörtern, um sie dann auf der Bedeutungsebene zu vergleichen. Der Text bekommt so eine neue Klanggestalt und zugleich einen neuen Bedeutungshorizont.

Im heutigen Kabarett sind Wortspiele nicht mehr so gefragt. Die Schoah hat auch die jüdische Witzkultur zerstört. Hin und wieder leuchtet sie noch auf.




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-09-04 16:35:56
Letzte Änderung am 2018-09-05 14:44:56


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