• vom 05.09.2018, 16:11 Uhr

Glossen

Update: 06.09.2018, 09:47 Uhr

Maschinenraum

Ein Affe auf dem Schleifstein




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Von Walter Gröbchen

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  • Die Neuauflage eines Motorrad-Klassikers könnte die Suche nach dem ultimativen Fortbewegungsmittel für die Stadt beleben.



Das Bild, das ich derzeit - jedenfalls zeitweilig - abgebe, muss wohl zum Lachen reizen. Kann jemand einen Schnappschuss machen, wenn ich zufällig auf der Straße vorbeihusche, und mir das Foto schicken? Bitte, danke. Ich stell mir das so vor: Ein ausgewachsener Mann hat auf einem Mini-Bike Platz genommen, das ursprünglich einmal für einen Kindervergnügungspark entworfen worden war. Er hockt da wie der sprichwörtliche Affe auf dem Schleifstein, grinst unter dem Motorradhelm hervor und macht Brumm-Brumm. Und dann lässt er die kleinen, ballonförmigen Reifen seines Zweirads quietschen und zieht Kreise um die übrigen Verkehrsteilnehmer. Zumindest an der nächsten roten Ampel.

Okay: Im Vergleich zu all den wunderlichen Fortbewegungsmitteln, die ich Ihnen in der vorwöchigen Kolumne vorgestellt habe, ist das ein relativ konventionelles Gefährt. Ein Moped? Ein Fun Bike? Ein Bonsai-Motorrad? Nennen Sie es, wie Sie wollen: Die Honda Monkey ist jedenfalls ein Klassiker. Erstmals gebaut zu Vergnügungszwecken in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, wurde das affige Gerät rasch zum Verkaufshit. Einerseits ob seiner aufreizenden Schnuckeligkeit, anderseits der erstaunlichen Praktikabilität wegen. Man konnte den Lenker herunterklappen, und so diente es etwa Wohnmobilbesitzern als zusätzliches motorisiertes Beiboot für kurze Einkaufsfahrten.


Nun ist die Honda Monkey wieder zurück. War sie je weg? Sagen wir so: Billige chinesische Nachbauten gab und gibt es wie Sand am Meer, das Original musste mühselig aus Japan verschifft werden, offizielle Europa-Exporte seitens Honda erfolgten seit Jahrzehnten keine mehr. Vielleicht sind ja die Zeiten günstig für eine Neuauflage: Verstopfte Straßen und überfüllte Städte schreien förmlich nach alltagstauglichen, unkomplizierten Verkehrsmitteln mit kleinem Formfaktor. Der Scooter- und Roller-Boom der letzten Jahre spricht für sich. Und nicht jeder will eine überteuerte Vespa - demnächst übrigens auch als Elektro- oder Hybridversion erhältlich! - von A nach B bewegen. Die Winz-Honda sorgt fast automatisch für Sympathiepunkte.

Apropos Automatik: Ich musste mich umgewöhnen. Seit jenen längst verflogenen Zeiten, als ich mit einer 250er-Enduro durch die Straßenschluchten Wiens brauste, drehe ich ja nur bequem am Gasgriff. Für dichten Verkehr ideal, aber überland macht eine konventionelle Fußschaltung - wie sie auch die Honda Monkey besitzt - wohl mehr Sinn. Was wünschenswert wäre: eine Anzeige des eingelegten Gangs im Digitaltacho, nicht nur eine Miniaturleuchte für den Leerlauf. Der luftgekühlte 125-Kubikzentimeter-Motor leistet etwas mehr als neun Pferdestärken (6,9 kW), das Gewicht beträgt 107 Kilogramm. Jedenfalls zischt die niedrige, leicht pummelige Maschine aus dem Stand ab wie ein Rhesusäffchen auf den nächsten Baum. Und sie blubbert, sprotzt und knattert dabei wie eine zu heiß gewaschene Harley-Davidson.

Ob ich damit jeden Tag ins Büro reiten will? Im tiefsten Winter wohl doch nicht. Aber in den kommenden Herbsttagen wärmen alleine die Farbbezeichnungen für die drei Lackierungen, in denen die Monkey erhältlich ist: Banana Yellow, Pearl Nebula Red, Pearl Shining Black. Was für ein Affenleben.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-09-05 16:20:59
Letzte Änderung am 2018-09-06 09:47:59


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