• vom 08.09.2018, 11:00 Uhr

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Vertanzte Hochzeit




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Von Mario Rausch


    Dass man mit dem Tanzen auf Hochzeiten vorsichtig sein muss, ist spätestens seit dem "privaten Besuch" des russischen Präsidenten bei der Trauung der österreichischen Außenministerin auch hierzulande bekannt. So mancher politische Beobachter meinte, dass damit die neutrale Vermittlerrolle unseres Landes buchstäblich "vertanzt" wurde.

    Dass man es mit dem Tanzen in der Öffentlichkeit durchaus übertreiben kann, musste auch ein vornehmer Mann im alten Griechenland schmerzhaft erfahren: Im Jahr 572 v. Chr. lud einer der mächtigsten Hellenen, der Tyrann Kleisthenes von Sikyon, edle Männer aus ganz Griechenland ein, sich um die Hand seiner Tochter Agariste zu bewerben. Im Zuge des Auswahlprozesses mussten sich die Freier in den unterschiedlichsten Disziplinen beweisen und sowohl in Einzelgesprächen mit dem Brautvater als auch im Rahmen gemeinsamer Festgelage mit guten Manieren punkten.

    Information

    Mario Rausch, geboren 1970, lebt als freier Publizist in Klagenfurt und Wien.


    Dabei gefiel dem Tyrannen vor allem ein Mann aus Athen, ein gewisser Hippokleides, ein Sohn des Teisandros, "nicht bloß wegen seiner edlen Männlichkeit, sondern auch weil er von den Kypseliden in Korinth abstammte." (Herodot)

    Die Kypseliden waren eine reiche und mächtige Familie aus der blühenden Handelsstadt Korinth, eine eheliche Verbindung seiner Tochter mit einem Abkömmling dieses Geschlechts musste Kleisthenes daher als besonders lukrativ erscheinen. Doch dazu sollte es nicht kommen. Als nämlich der Tag der Entscheidung gekommen war und der Tyrann von Sikyon seine Entscheidung bekanntgeben wollte, legten sich die Brautwerber noch einmal so richtig ins Zeug und versuchten einander in Gesang und im Vortrag von Scherzen zu übertreffen.

    Hippokleides war dabei ganz in seinem Element und wollte schließlich noch eines draufsetzen: um die anderen endgültig in den Schatten zu stellen, befahl er einem Musiker, mit der Flöte aufzuspielen, und begann wild zu tanzen. "Nun gefiel er sich beim Tanzen selber zwar sehr, aber nach dem Sinn des zuschauenden Kleisthenes war das alles durchaus nicht. Nach einer Pause ließ Hippokleides einen Tisch hereinbringen und tanzte auf dem Tisch, zuerst nach lakonischer Art, dann auf attische Art, und zum dritten stellte er sich auf den Kopf und machte Gebärden mit den Beinen."

    Kleisthenes hielt sich bei den anfänglichen Darbietungen noch zurück, doch bei den peinlichen Verrenkungen am Ende der Vorführung konnte er nicht mehr an sich halten und rief: "O Sohn des Teisandros, du hast deine Hochzeit vertanzt!" Worauf der sich zutiefst missverstanden fühlende Tänzer patzig antwortete: "Das kümmert Hippokleides nicht!"




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    Dokumenten Information
    Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
    Dokument erstellt am 2018-09-06 15:17:58
    Letzte Änderung am 2018-09-06 15:19:39


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