• vom 06.09.2018, 16:28 Uhr

Glossen

Update: 06.09.2018, 16:46 Uhr

Claudia Aigner

Baut den Stephansdom lieber doch nicht fertig




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Von Claudia Aigner

  • Kunstsinnig
  • Das würde nur zu Missverständnissen führen. Nicht, dass noch ein Religionskrieg ausbricht.



So, jetzt hab ich wieder ein reines Gewissen. Weil ich Buße getan habe. Dafür, dass ich mich früher selber so fleißig an dieser Hetze beteiligt habe. Gegen die Ausländer. Bevor ich eben erkannt habe, dass wir sie brauchen. Ihnen dankbar sein sollten. Weil sie unsere Stadt schöner machen, die wir nämlich extra für sie herausputzen. Für die Touristen. (Für welche Ausländer denn sonst?) Für die Wiener allein täte man sich das jedenfalls bestimmt nicht an. Die sind eh schon da und geben hier ihr Geld aus.

Und ich blöde Kuh wäre sogar für ein Kofferverbot in der U-Bahn gewesen, weil mir dauernd irgendwer mit so einem Trumm über die Füße rollt. Was haben diese Leute außerdem in der U-Bahn verloren? Die sollen gefälligst mit ihrer eigenen gelben Ring-Tram im Kreis fahren. Oder mit einem Fiaker oder dem Riesenrad. Als Sühneübung hab ich nun also selber den undankbaren Job einer Touristin erledigt. Bin nach Barcelona geflogen. Denn die Sangria Familia, Tschuldigung (bin grad durstig): Sagrada Familia natürlich, die hat mich gebraucht. Damit mit ihr nicht am Ende noch dasselbe passiert wie mit unserem Stephansdom, und der ist bekanntlich nie fertig geworden. Deshalb hab ich mich persönlich darum gekümmert, dass was weitergeht. Hab auf der riesigen Baustelle eigenhändig . . . Eintritt gezahlt. 51 Euro! Und sogar den Turm bestiegen (mit dem Lift). Und mit meiner großzügigen Spende den Bau mitfinanziert. Wie viel Karat Sandstein bekommt man eigentlich für 51 Euro?


He, wieso macht man das beim Stephansdom nicht genauso? 51 Euro verlangen. Könnte der Nordturm, dieser Halbwüchsige, endlich erwachsen werden. Würden sowieso die Touristen für alles blechen. Weil halt nur die so deppert sind, 51 Euro hinzublatteln, um sich wie Schafe in einen stickigen Raum mit bunten Fenstern hineintreiben zu lassen. Für die Wiener wäre das Projekt "Steffl Nord" also völlig gratis. Und wenn wir sofort anfangen, könnte ich die Fertigstellung vielleicht sogar noch erleben. Weil wenn die Katalanen in 144 Jahren 18 Türme schaffen (sofern sie mit ihrer Sagrada Familia tatsächlich im Jahr 2026 fertig werden, zu Gaudís 100. Todestag, und nicht erst zu seinem 200. Geburtstag im Jahr 2052), werden wir doch wohl einen halberten Turm bis . . . zum 1050. Geburtstag von Österreich hinkriegen (im Jahr 2046). Jetzt aber ganz im Ernst: Warum macht man das nicht? (Äh, weil man nicht wüsste, wo man derweil die Pummerin hinhängen soll?) Ein halber Turm, das ist doch echt kein Zustand. Sondern ein Witz. Lachen uns die Touristen ja aus, bitte. Besonders die Deutschen. Weil die Ösis keinen mehr hochgekriegt haben. Keinen zweiten. (Während sie selber bei ihrem Kölner Dom keinerlei Erektionsprobleme gehabt haben.)

Und überhaupt. Was man dem armen Nordturm angetan hat (ach, loss mas guat sein, da mach ma einfach einen neckischen Deckel oben drauf, damit’s ned eineregnet, Glocke rein, passt), das ist . . . ein Bauskandal? Nein, eine saubere österreichische Lösung. Aber besser nix verändern. Sonst wird die katholische Kirche noch wegen Christophilie angezeigt. (Philie? Das, was perverse Priester mit den kleinen Buben machen?) Und ein bissl islamophob wirkt so ein hoher Kirchturm auch. Und wenn man auf der Spitze einen Halbmond montieren würde statt einem Kreuz? Islamisierung des Abendlands, hallo?




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-09-06 16:38:59
Letzte Änderung am 2018-09-06 16:46:47


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